Watson und Film

Am Filmfestival Locarno. Den Artikel finde ich gut. Die ersten paar Kommentare hacken sofort auf einem Fehler, der sich eingeschlichen hat rum.

Hat mir gerade nicht gefallen, könnte man als Mail der Redaktion schreiben. Watson ändert sowas, wenn es einleuchtet sofort.

Vermutlich ist damit der Tonfall der Kommentare gesetzt. Es geht nicht um Inhalte, aber dieses ewige Gemecker. „Nur wer nichts macht, macht keine Fehler.“

Es kann sein, dass Betroffene kommentiert haben, es kann sein, dass irgendwelche paternalistisch „Begabte“ sofort den Tonfall der Kommentare usurpieren wollen und es getan haben.

Viel spannender wären Kommentare mit erfüllten Lebensträumen Behinderter, weiteren Beispielen, was alles möglich ist, wie „crippling up“ funktioniert ausserhalb des Films, sogar im letzten, allerletzten Staat der Welt, genannt Schweiz.


Die Kommentare sind sechs Stunden später ein Rohrkrepierer: 1. gibt es ganz wenige, was zeigt, wie heikel es empfunden wird über das Thema Behinderung sich überhaupt auszutauschen. 2. Folgen die üblichen Restriktionen: Wir seien Menschen mit Behinderungen, nicht Behinderte und noch viel schlimmer Menschen mit BEEINTRÄCHTIGUNGEN, dann ist endgültig Hopfen und Malz verloren.

Von Mut und Optimismus ist wenig zu spüren. Diese blöden Nebengeleise machen beide Seiten mundtot. Man berichtet nicht über Inhalte, verliert sich in Wortklaubereien. Ich mag das nicht, ich schreibe wie ich denken will und kann. Gewisser Sprachgebrauch von mir ist nicht ortho. Das ist völlig klar, Trotzdem schreibe ich. Es geht nicht mehr um Schüleraufsätze und niemand zückt mehr gegen mich den Rotstift. Dieses Orthographiegedönse, Kommaregeln geht mir nur noch gegen den Strich.

Watson lässt die Kommentarspalte eine gewisse Stundenzahl offen, danach ist sie zu. Sehr oft, ist das Niveau interessant, selten so seicht, dass es grässlich ist.


Einen Tag später stelle ich fest, inhaltlich wurde praktisch nichts geboten, wer darf welche Worte für was gebrauchen war und blieb dominant, dann, ob es nur eine Gebärdensprache gebe, am Begriff „taubstumm“ ist die Kommentarspalte hängen geblieben.

Ewig frustrierend in der Deutschschweiz, es geht nie um Stärken von Behinderten, es geht nur darum, wieviel Distanz man wahren kann, um ja nichts mit dieser Schublade Mensch zu tun zu haben, Paternalismus, oft Ableismus in Reinstkultur.

Zeigt sich auch daran, dass „gemischte Angebote“ gibt es nicht, man trennt sich von Behinderten, so gut es geht. Dass es schlicht ein anderes Leben ist, kein Schlechteres würde das Weltbild der nicht Betroffenen so durcheinanderrütteln, dass sie nicht mehr zu Rande kommen.

Im AHV Bereich, in Institutionen, sind dieselben Menschen 20 oder 40 Jahre später völlig ausgeliefert. Es kommt ihnen nicht in den Sinn, dass Achtung vor Mitmenschen ein lebenslanges Programmm gewesen wäre.

In einer Institution, wo ich war, gab es u. a. Vermögende. In der Institution war gewünscht, dass man adrett den Esssaal betrete. Die differenzen zwischen dieser und jener clique waren gross, wehe, man überschritt irgendwelche unsichtbaren Mauern.

Am schönsten war der Vertrag, den man unterschreiben musste des Inhalts u. a. man dürfe die Wohnung nicht umbauen. Da kommen sie nun alle, diese LiegenschaftsbesitzerInnen und verwechseln ihre letzte Mietwohnung mit dem eben verlassenen Eigenheim. Sowas habe ich weder vorher noch nachher je unterschrieben, es war immens lächerlich, wie die selbsternannte Elite, längst dement, sich immer noch als Elite empfindert, am Schluss wird der Sarg zugedeckt und drin ist eine Leiche.

In einer ruhigen Minute können sich alle hinsetzen und überlegen, über was alles in unserer deutschschweizerischen Gesellschaft geschwiegen wird. Insofern hat Covid was gebracht, Einsamkeit ist nicht mehr solch ein Tabu, weil Einsamkeit stets gleichgesetzt wurde mit persönlichem Versagen. Nun hat es alle erwischt. Hat der Realitätsfindung an dem Punkt geholfen.

Genau an den Punkten sind die Schwächen. Je mehr Tabus eingehalten werden müssen, desto weniger können sich Menschen entfalten. Umgekehrt, je mehr Regeln eingehalten werden, man sich in Harmlosigkeit ergiesst, desto geringer das Risiko.