Bewunderte Süchte

Extremismus wird in der Schweiz und im Westen bewundert, wenn es um sportliche Leistungen geht.

Irgendwann hat man herausgefunden Dopingkontrolle. Ob und wie die zuverlässig funktioniert, ob neue, unbekannte Substanzen, die noch nicht gemessen werden können Resultate verfälschen, nichts Genaues weiss man, immer mal gibt es SportlerInnen, die zu Recht oder Unrecht in Dopingkontrollen hängen bleiben.

Sportarten verlangen scheinbar selbstverständlich ihren Menschenzoll. Gerade diesen Sommer sind Spitzensportler, die Radfahren, gestorben einige Bekannte und Nachwuchssportler, wenn ich richtig gezählt habe mindestens drei. Skisport, Spitzensport führt hin und wieder zu Toten, Hirnverletzten und Paraplegikern, mehr Männer als Frauen.

American Football, ein Gerangel, ein Sportler konnte vor Monaten gerettet werden mit x reversiblen Schäden, was kurzfristig eine Diskussion losgetreten hat, zur Gefährlichkeit genau dieser Sportart. Diese ist wieder versiegt, weil der junge Mann nach medizinischer Behandlung zurück zu seiner Sportart wollte. Ob es gelang, ist mir nicht bekannt.

Dagegen Kleinstkinder mit Helm in der Schweiz für alles und jedes, evtl. wissen diese Kleinen nie, dass ihr Kopf gefährdet ist, wenn sie nicht aufpassen. Kinderspielplätze zum rumtoben, der Boden extraweich, normale Grenzen werden nicht aufgezeigt, geschürfte Knies oder Ellbogen muss man sich andernorts holen.

Nun war im Nachtcafe das Thema „Wider die Vernunft?“ Menschen erzählen, wie sie aus diesem oder jenem Grund ihr Leben verändern und ihren Traum leben. Dabei ein Mann, der Slackline geht, ungesichert über 200m oder 400m Höhe. Ich habe mir den Teil der Sendung nicht angetan*. Der Mann sagt selbst schon in der Einleitung, dass es eine Sucht ist.

Warum wird diese Sucht bewundert?

Es gibt andere Süchte, die auch mit dem Tod enden können, die werden verachtet.

Dieser Mann erntet Ahhhs und Ohhhs, wenn alles gut geht, erleidet er den Tod, wussten es alle schon immer.

„Folge der Stimme deines Herzens wider alle Vernunft“, kann so glücklich oder unglücklich ausgehen, wie alle andern Lebensentscheidungen. Es ist verwunderlich, dass in Demokratien immer Türen aufgestossen werden müssen, dass Menschen zu sich selbst finden können.

Die Frauen in der Sendung hatten zum Thema, dass eine Frau, immer die Erwartungen der andern erfüllt hat, sich selbst verlor bis zu Depressionen und Panikattacken. Eine andere war Schriftstellerin geworden, blieb dabei, unterstützt von ihrem zweiten Mann und ihr Spätwerk hat sie zur Bestsellerautorin gemacht. Eine Dritte hatte sich mit ihrem zweiten Mann einen Bauernhof erträumt und kaufte einen Hof, dessen Gebäude abgebrannt war. Ziel Biohof und soziales Engagement, Menschen eine Art Wahlfamilie geben, gemeinsam statt einsam. Als der Mann starb, redimensionierte sie das Projekt und setzt nun andere Schwerpunkte, der Hof wird nicht zuerst perfekt, sondern die soziale Idee wird nun vorgezogen und die Landwirtschaft vereinfacht, weniger verschiedene Sorten zum Ernten.

Ich finde es interessant, wie sich gemeinsame Träume, Ehepaar, also Schriftstellerin und Bauernhof mit Sozialprojekt, von Männerträumen und Frauenträumen wider eine einengende Biographie unterscheiden. Ein Mann hat seine Gesundheit riskiert, Schlaganfall, der nur teilweise reversibel war und lernt nun auf seine Frau(!) und seinen Körper hören.

Risiko Leben, was gelingt, was nicht, was ist sozial akzeptiert und was wird bekämpft, wo findet ein Mensch seine Nische, letztlich, was ist der Sinn des Lebens?

Eigentlich eine gesellschaftspolitische Frage.


…* Der unerwartete Tod von Ueli Steck, dem Extrembergsteiger, kann ich intelektuell verstenen, meine Gefühle sind verunsichert. Überlegter und besser vorbereitet an seine Sportart rangehen, kann wohl niemand.

Immer mal, wenn mir in meinem Alltag ein blöder Fehler unterläuft, ich hasse es, wenn mir Zeugs runterfällt, wenn ich früher Dinge fallen liess, fing ich sie reflexartig in der Luft. Heute fällt es runter und ich muss putzen. Ätzend! Aber neulich fiel mir eine Banknote bei einer Kasse runter und ich fing sie, wie gewohnt, in der Luft auf. War ein Highlight, weil mir sofort zwei Personen helfen wollten.

Es braucht ein Nichts von Unaufmerksamkeit.