Was ich zu fürchten gelernt habe

Es gibt Situationen, in denen es für mich am besten ist, mich so schnell als möglich zu entfernen. Diese Begebenheiten laufen immer gleich ab. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen, werden Menschen, die mit mir zu tun haben, aggressiv. Als kleines Kind war ich diesen Erwachsenen ausgeliefert. Ein verletzender Satz lautete: „Wenn du keine(!) Gefühle hast, dann brauch wenigstens deine Intelligenz.“

Die Kindheit ist längst vorbei. Aber bis in die Gegenwart gibt es AggressorInnen. Beliebt ist, meine Behinderung als Anhaltspunkt zu nehmen. In einer psychiatrischen Klinik(!) hat man mich an zwei unterschiedlichen Tagen zum Sündenbock gestempelt, weil ich „an der falschen Stelle“ gelacht habe. Was ein Mensch ohne Hirnverletzung noch knapp unter Kontrolle halten kann, nämlich eine gestresste Situation ohne Ventil zu überstehen, schaffe ich nicht. Ich brauche ein Ventil und oft ist es Lachen. Es gibt auch das Häutchen abziehen an den Fingern und Fingernägel bzw. Kaugummi kauen oder sonst eine Beschäftigung, die Spannung abbaut.

Wenn ich in der selbstgerechten Art zum Sündenbock erkoren werde, brauche ich keine Pfarrerin, die mir die Bibel auslegt. Intuitiv verstehe ich die Worte Jesu: „Herr vergib ihnen, den sie wissen nicht, was sie tun.“ Man merke: Nicht behinderte Menschen dürfen voll aggressiv sein. Sogar sog. Fachleute dürfen sich behinderten Menschen gegenüber unprofessionell verhalten. Aber wehe, wenn der behinderte Mensch schlechte Laune hat, mies drauf ist und sich einen Sündenbock sucht. Das kommt ganz schlecht an und ist verboten. Frei nach dem Spruch: „Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“

Letzthin in einem Kurs hat mir die Kursleiterin gesagt, ich würde mich über alle erheben und „in letzter Instanz“ entscheiden, was richtig sei und was falsch. Sie brauchte das Wort „Inquisition“. Mein „Vergehen“: Es war ein Schreibkurs. In einer Geschichte eines anderen Kursteilnehmers hatte mich eine Nebenfigur dazu animiert, die Figur zu nehmen und zu ihr eine Geschichte zu erfinden. Wir hätten alle keine Literatur, wenn nicht ständig Themen aufgegriffen, neu gestaltet, anders geschrieben würden.

Für alle, die gern etwas zum Lachen haben: Der Witz ist, dass diese Nebenfigur in der Originalgeschichte sehr einsam war. Ich habe sie in meiner Geschichte in die Gesellschaft integriert. Inklusion nennt sich das. – Wenn das nicht einmal auf dem Papier erlaubt wäre, dann könnte die gesamte Behindertenbewegung, die über Inklusion nachdenkt und sie fordert, einpacken. Aber das tun wir nicht. Wir sind da und bleiben ein Teil dieser Gesellschaft, auch wenn einige Mit- oder Gegenmenschen sichtlich Mühe haben, damit umzugehen.

Was Topmanager nicht wissen wollen

Bekanntlich schaut Vasella treuherzig in die Kamera und erzählt, dass er seinen Lohn wert ist, weil er besonders viel leistet.

Na ja,  denkt da der eine oder andere, ich habe auch meinen langen Arbeitstag und die Hausfrau und Mutter denkt, danach ist meine Arbeit noch längst nicht zu Ende. Statt netzwerken mit Cüpli oder Arbeitsessen geht es um zahnende Kinder, Schulaufgaben und schmutzige Windeln.

Das alles ist bekannt. Wozu ich schon lange einen Artikel suche und jetzt endlich in der Sonntagszeitung gefunden habe, ist, wo die wirklich top geforderten Arbeitsnehmer ihre Leistung erbringen.

Im zweiten Arbeitsmarkt. Es wird beschrieben, wie der Druck auf die Firmen wächst, die behinderte Menschen im zweiten Arbeitsmarkt anstellen. Im zweiten Arbeitsmarkt bekommen die ArbeiterInnen praktisch keinen Lohn, es sind IV-RentnerInnen, Kranke und Arbeitslose. Das Ziel wäre die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt.

Jetzt, in der Krise, wird Der Druck der Wirtschaft, die die Aufträge erteilt an die Firmen des zweiten Arbeitsmarkts weitergegeben. Weil diese Firmen nicht mehr von der IV direkt sondern von den Kantonen unterstützt werden, kann es sein, dass weniger Geld fliesst.

Pirmin Willi, Leiter der Stiftung Brändi in Luzern, tippt kurz Zahlen in seinen Taschenrechner und zeigt schliesslich sein Resultat: Im Vergleich zu 2008 erhält er 2013 2,8 Millionen Franken weniger vom Kanton. «Man versucht das zu kompensieren, indem man neue Kunden findet, aber das ist alles andere als einfach», sagt er.

Die Leiter dieser Firmen versuchen den erhöhten Druck nicht an die Arbeitnehmer weiterzugeben. Ich denke nicht, dass das gelingt. Behinderte und andere am Rand der Gesellschaft stehende Menschen spüren sehr genau, was Sache ist.

Akkordarbeit mit IV-RentnerInnen, in meinem Kopf will das nicht zusammenpassen. Behinderte Menschen, die nur schlafen und arbeiten, zu müde sind, um etwas Freizeit zu haben. Depressive, die aus dem ersten Arbeitsmarkt fielen, weil er zu stressig war und sich in einem zweiten Arbeitsmarkt wiederfinden, der Einzeltätigkeiten und Fliessbandarbeit verlangt, also zusammenhangslose Akkordarbeit. Besonders schlimm sind die behinderten Menschen, die sich nicht wehren können und gesundheitliche Schäden davon tragen.

Bei Band hatte die Krise noch keine grösseren Auswirkungen auf die Belegschaft. Doch eine Umfrage unter anderen Betroffenen zeigt gravierende Fälle. «Bei uns zählte am Schluss nur noch, möglichst viel Geld zu machen», erzählt ein Behinderter aus Genf. «Wir mussten laufend mehr schaffen in immer weniger Zeit.» Der Mann ist zu 100 Prozent IV-Rentner, weil er unter epileptischen Anfällen leidet. Die Einzige, die ihn vor seinen Krämpfen warnen kann, ist seine Labrador-Hündin. Wenn sie spürt, dass ein Anfall kommt, gibt sie ihm ein Zeichen, damit er sich vorbereiten kann. Schliesslich hat ihm seine Behindertenwerkstatt verboten, die Hündin mit zur Arbeit zu nehmen. Er hat nach 15 Jahren gekündigt.

Um die Produktivität zu steigern, setzen einige Werkstätten die Behinderten auch am falschen Ort ein – bis es zu Unfällen kommt. Sozialarbeiter Vincent Flament schreibt in seiner Abschlussarbeit an der Fachhochschule Wallis, wie Frau H. in einer Lausanner Werkstatt zum Bügeln eingeteilt wurde, obwohl ihr das Schmerzen bereitete. Ein anderer Zeuge berichtet, wie eine Dame, die an der Glasknochenkrankheit leidet, in der Telefonzentrale einer Genfer Institution eingesetzt wurde. Prompt habe sie sich den Arm bei der Bedienung eines nicht behindertengerechten Telefons gebrochen.

 

Eigene Erfahrung

Als ich selbst, schwerst depressiv solche Arbeiten erledigen sollte, war ein trockener Kommentar von Freunden: „Wer nicht schon vorher depressiv war, wird spätestens bei einer solchen Tätigkeit depressiv.“ – Ich musste auf Milimeter genau mit Farbpapier, doppelseitiger Klebefolie, Massstab, Schere und Bleistift Kleber herstellen, die in Prospekten über einen nicht mehr aktuellen Text geklebt wurden.

An einem anderen Arbeitsplatz sollte ich in einem Grossraumbüro einfache Büroarbeiten erledigen. Ein Grossraumbüro ist für meine Behinderung ein Stress. Die PCs wurden ständig überwacht. Der Vorteil war, dass ich mit andern essen konnte. Dem Stress, sinnlose Arbeit zu erledigen, war ich nicht gewachsen. Nach einem Hochschulabschluss und 16 Jahren Berufserfahrung, eigne ich mich nicht für eine kaufmännische Anlehre.

Was mich beelendet an dem Artikel der Sonntagszeitung ist, dass er recherchiert ist, quer durch die Schweiz. Im Welschland, im Kanton Bern, Luzern, St. Gallen, Zürich. Vernünftigerweise denke ich, dass wo ein Problem besteht, eine Lösung gesucht wird. Aber so ist es nicht:

Wenn der Kanton bei der Unterstützung des 2. Arbeitsmarktes spart und die ArbeitnehmerInnen in den 3. Arbeitsmarkt, nämlich die geschützten Werkstätten abwandern, ist niemandem gedient. Die behinderten Menschen sind ausgegrenzter, im Artikel wird schnörkellos festgehalten, dass in geschützten Werkstätten Artikel hergestellt werden, die sich nur schlecht verkaufen lassen.

Kurz, das Ganze wird teurer, einfach aus einem anderen Kässeli. Ich werde wohl nie verstehen, wie in solchen Zusammenhängen die rechte Hand nicht wissen will, was die Linke tut. Irgendwo dazwischen triffft es Menschen, wie dich und mich, die verunsichert sind und deren Gesundheit leidet.

Behindert sein ist das eine. Behindert und krank ist etwas ganz anderes.

Wer leistet mehr? Der, der viel Lohn heimträgt oder der, dessen Körper so ausgepresst wird, dass seine Gesundheit leidet?

 

Bodehannes Franz

Wem bist du, werde ich gefragt. Meine Antwort lautet unwiderruflich mir selbst. Ich beziehe mich auf keinen Vater, auf keine Mutter, ich bin in einem Alter, in dem ich mir eine solche Frage nicht mehr bieten lasse. Das ist der eine Aspekt und der andere: Wir leben am Anfang des 21. Jahrhunderts und sollten allmählich lernen, dass Menschen mehr sind als eine Zusammensetzung der Eigenschaften des Zuchtstalls aus dem sie zufällig stammen.

Regelmässig fällt mein ziviler Ungehorsam auf. Ich verwundere mich, wie wenig es braucht, um in der Schweiz, die so stolz auf ihre Redefreiheit ist, auszuscheren und seine Redefreiheit dazu zu benutzen nach seinen Überzeugungen zu leben:

Bin ich verantwortlich für die Taten oder Untaten meiner Vorväter oder -mütter? Bin ich verantwortlich für meine Taten und Untaten oder bin ich nicht viel eher auf Verständnis angewiesen, weil vieles, was andere hinkriegen für mich nicht zu erreichen ist: Ich habe jahrzehntelang täglich Gelassenheit trainiert. Ich war nicht zu faul, ich habe sicher eine gute Methode gewählt und trotzdem ist der Erfolg bescheiden: So bringt mich auch die Frage nach meiner Herkunft regelmässig auf die Palme:

Ich sehe mich dort oben bildlich hocken mit einer Kokusnuss in der Hand. Dann denke ich, dass es nichts anderes gibt als zu akzeptieren, dass ich so schnell und so rasch auf die Palme flitze. Um sich meine Palme vorzustellen, muss man wissen, dass sie am Ende von waldig bewachsenem Gebiet steht, dem ich meinen Rücken zudrehe. Vor meinem Baum liegt ein kurzer Sandstrand und dann das Meer. Müsste ich einen Ort nennen, würde ich sagen, es ist eine dieser Korallenriffinseln, die nur knapp aus dem Meer ragen. Was mich verwundert ist, dass ich blitzartig mit blossen Füssen den Stamm hochklettern kann, um dann die Baumkrone zwischen meine Schenkel zu klemmen und mich mit einer Kokusnuss zu bewaffnen. Was mich nicht verwundert ist, dass es sich bei meinem Baum um eine Palme handelt: Keine Äste stören meinen raschen Aufstieg. Verstecken muss ich mich nicht, aber Sicherheit brauche ich in dem Moment und keine Sekunde später. Kein Wunder ist, dass ich im Bild aus der Unordnung des waldigen Geländes auf meine, allein dastehende Palme eile. Das ist genau der Ort, an dem ich mich im realen Leben ansiedle: Wenn der Wald bildlich für Menschen steht, das Durcheinander, das entsteht, wenn Menschen sich bewegen, z. B. nach einem Anlass alle aufstehen, um nach Hause zu gehen.

Es gibt viele, alltägliche Situationen, die einen Menschen mit einer Wahrnehmungsstörung überfordern: Einen Überfluss an Reizen muss er mit einer Spitzenleistung kompensieren oder wenn er diese Leistung nicht abrufen kann, verhält er sich sozial unangepasst. Ein solches unangepasstes Verhalten wird gesellschaftlich saktioniert.

Mit diesem Wissen bekommt meine Palme nochmals eine tiefere Bedeutung: Mein Zufluchtsort in meiner Phantasie ist bestens organisiert. Die Reize sind wohldosiert. Es handelt sich immer um die gleiche Palme. Nie verändert sich ihr Aussehen oder die Landschaft in der sie steht. Die Vorstellung, mir Ärger um Palmeslänge vom Leib halten zu können, gibt mir die Sicherheit, die ich brauche, um ruhig zu werden. Ein Ritual um von der Palme zu steigen, sehe ich nicht vor mir. Selten stelle ich mir vor, wieich langsam Fuss um Fuss runtersteige.

Vielleicht reicht der wohlige Seufzer, der mir entwischt, wenn ich mich sicher fühle, um in den Alltag zurückzukehren. Manchmal braucht es Tage, bis ein Ärger nicht weiter in meinem Kopf nachhallt. Meistens bedeutet es ein gutes Stück Arbeit, meinen Kopf wieder in den Ausgangszustand zurück zu versetzen. Diese Arbeit bindet Energie, die ich gern anderweitig verwenden würde. Das ärgert mich und wiederum brauche ich Energie, wenn ich mir gut zurede, damit ich mich nicht ärgere.

Nur Worte

Manchmal denke ich, dass das Leben liebevoll über meine ehernen Prinzipien lächelt: Wenige Tage nachdem ich  zuletzt nach meiner Herkunft gefragt wurde, fragte mich ein anderer Mensch danach. Ich bleibe langmütig und friedlich, gebe auf jede scharf gestellte Frage gutmütig Antwort. Nichts bringt mich aus der Ruhe.

  • Ist die Gesprächssituation eine andere?
  • Bin ich weniger müde, weil dieses Gespräch viel früher am Tag stattfindet?
  • Was ist anders und macht den entscheidenden Unterschied?

Ein Beobachter dieses zweiten Gesprächs ist über seinen Verlauf erstaunt. Er kennt das Prinzip nicht, nach dem Franz gefragt wird, ob er der Sohn von Hannes ist, der im Boden wohnt, damit Franz in das richtige „Schublädli“ gesteckt werden kann.

Ich nehme für mich nach diesen beiden Erfahrungen den Eindruck mit, dass ich nicht so schlimm bin, wie ich befürchte. Hin und wieder könnte der Fehler nicht bei mir, sondern bei meinem Gegenüber liegen. Das Leben scheint über mich zu lächeln und ich lächle zurück. Soviel Humor darf sein und diesen Humor habe ich.

IV-Revision 6b und der Nationalrat

Überraschend hat der Nationalrat anders beschlossen als allgemein erwartet wurde. Behinderte Menschen und ihre Organisationen nehmen das vorsichtig optimistisch zur Kenntnis. Die Medien helfen führen den üblichen Schlagabtausch: Das Tagesgespräch (DRS 1) hat eine Diskussion zur Sanierung der IV Finanzen geführt. Zusammensetzung: Ein  SVP, eine CVP Minderheit und eine SP VertreterIn. Allein diese Auswahl: 2 zu 1 lässt tief blicken. Die Moderatorin fragt die SP Nationalrätin, ob sie sich als Christkind fühle. Genau in diesem Tonfall wird heute ganz selbstverständlich über das tägliche Brot von Behinderten moderiert. Zur Erinnerung: 100% IV-Rente bewegen sich zw. 1600.- und 2400.-. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass die 2. Säule den Rest bezahlt: Menschen, die nur kurze Zeit im Arbeitsprozess waren, Teilzeitangestellte, Menschen die nie arbeiten konnten bzw. nie angestellt wurden, müssen mit der IV-Rente allein klar kommen und brauchen folglich EL.

Meine Meinung zu dem Gespräch, das im Internet zur Verfügung steht: Es wird mit Zahlen um sich geworfen, die ein Staatsbürger nicht überprüfen kann. Wie soll ich wissen, welche Hochrechnung stimmt. Es gibt den berühmten Satz, dass man keiner Statistik trauen soll, ausser der, die man selbst gefälscht hat. Was die IV-Renten betrifft, müssten sie in Zusammenhang mit der Gesamtbevölkerungszahl gebracht werden. Wenn immer mehr Menschen im Land leben, ist es unrealistisch zu erwarten, dass immer weniger invalid sind. Ausser, die Kriterien für eine Rente werden so verändert, dass das geschieht, was wir gegenwärtig erleben. Ich frage mich jeweils, was ist reine Simmungsmache und was glauben die InterviewpartnerInnen wirklich. Ein Beispiel: Nationalrätin Schenker sagt, dass die Sanierung der IV Schulden 2 Jahre länger dauert, wenn die Sparmassnahmen so umgesetzt werden, wie der Nationalrat beschlossen hat. Nationalrat Stahl stützt sich auf Zahlen der SVP und behauptet, die Sanierung daure 50 Jahre und belaste kommende Generationen. – Hoffentlich versinken PolitikerInnen während 50 Jahren nicht in einen Dornröschenschlaf und haben einige sozial verträgliche Ideen, wie die IV finanziert werden kann. Wenn Sparen nicht reicht, müssen sich die Räte fragen lassen, was ihre Prioritäten sind. – Diese zwei Standpunkte weichen so extrem voneinander ab, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass beide das Gleiche meinen, nur etwas anders ausgedrückt oder dass einer der beiden Recht hat. Ich muss mich auf meine eigene Meinung und Erfahrung verlassen, was Parteien in anderen Themen bisher vertreten haben und wie überzeugend die Resultate waren. Welche früheren Prognosen sind eingetroffen?

Wie im Impressum zu lesen ist, traue ich eher der SP als anderen Parteien. Im oben aufgeführten Gespräch hat meine Distanz zu Frau Humbel (CVP) verschiedene Gründe:

  • Ich traue ihren Zahlen nicht. Die neu ausgesprochenen Renten waren bis auf dieses Jahr rückläufig. – Hoffentlich zeichnet sich keine Trendwende ab, was durchaus möglich ist: Durch Unsicherheit, jahrelanges Strampeln am Limit, kann sich die Gesundheit von schwachen Menschen so verschlechtern, dass sie strengere Rentenkriterien erfüllen, einfach weil ihre Gesundheit trotz allen gegenteiligen Anstrengungen einbricht. Wenn all die Sparrunden der IV schon diesen Effekt hätten, dann haben wir hier in der Schweiz ein echtes Problem. – Gehen wir davon aus, dass wir noch nicht an dem Punkt sind: Wenn in den 90er Jahren zu grosszügig Renten ausgesprochen wurden, dann werden diese Leute älter und sind irgendwann in der AHV. – Mich würde eine Statistik interessieren, die zeigt, wann der grosse Rutsch zu erwarten ist. Schon jetzt ist die zeitliche Distanz zu den 90er Jahren über ein Jahrzehnt. Im Internet finde ich die Statistik der 90er Jahre der IV-Renten nicht. Nationalrat Stahl behauptet, die Zahl habe sich verdoppelt. – Wie steht es mit dem Bevölkerungswachstum?
  • Die „alten“ RentnerInnen nehmen ab und Neurenten werden weniger ausgesprochen. Nach meinem Rechenverständnis wird sich die Rentenzusprache irgendwann wieder dort befinden, wo vor den 90er Jahren und damit sollte sich das Problem einpendeln. Ausser wir holen mehr und mehr Menschen ins Land und erwarten, dass die alle gesund und munter sind und ohne Leistungen zu beziehen unsere Sozialwerke sanieren.
  • Mitte-Rechts budgetiert und macht unerwartet Überschüsse. So auch bei der IV, was zum jetzigen Zeitpunkt in keiner früheren Hochrechnung erwartet wurde. Mitte-Rechts spielt solche Überschüsse sofort runter und behauptet, sie seien Zufall oder bei der IV nur wegen der Zusatzfinanzierung durch die Mehrwertsteuer erzielt worden. Was hier so vorwurfsvoll klingt ist genau die Absicht: Die Zusatzfinanzierung durch die Mehrwertsteuer soll die IV aus den Schulden holen. Offensichtlich kann Mitte-Rechts nicht damit umgehen, wenn etwas offen kommuniziert wird und sich genauso gradlinig, nach Plan, entwickelt.
  • Der Zickzack-Kurs der Argumente überzeugt mich nicht. Bis heute habe ich nicht begriffen, dass eine IV-Rente mit IV-Kinderrente ein vorher erzieltes Einkommen von 100% übersteigen soll. Das ist eine Behauptung. Vielleicht, wenn das in vereinzelten Fällen so ist – wo sind die Zahlen – ist das ein schlechter Grund, um alle zu bestrafen.

Herr Stahl bemüht klassische SVP Argumente, die auf der Sachebene längst widerlegt sind. Dann erwähnt er integrierte Behinderte, die er selbst in der Arbeitswelt integriert oder persönlich kennt. Da kann ich nur mit den Worten von Nationalrätin Humbel antworten: „Eine Schwalbe macht keinen Frühling.“ Klassisch ist das Argument, dass bekannte behinderte Menschen echt behindert sind und nicht BetrügerInnen. Nur die Abwesenden sind schein-was-weiss-ich.

Es dürfte schwer fallen NR Lohr bei der Arbeit zuzuschauen und sich nicht eines Besseren belehren zu lassen. Das ist der Alltag behinderter Menschen: Sie leisten, was andere in vergleichbarer Stellung und das mit deutlichen Einschränkungen. Wenn das eines Tages nicht mehr möglich ist und aus Behinderung Invalidität wird, sollte die Invalidenversicherung einspringen. Jedenfalls so denkt der Bürger, wenn er nicht davon ausgeht, dass es alle andern treffe nur ihn selbst nicht.

NR Humbel geht optimistisch davon aus, dass der Ständerat die Vorlage richten und die Beschlüsse des Nationalrates rückgängig machen werde. Der Ständerat vertritt die Kantone und damit letztlich die öffentliche Hand. Politische Gemeinden werden kein Interesse haben, dass sie mehr Kosten tragen müssen.

Erfolg 5. IV-Revision

Wie immer, wenn das BSV Zahlen verkündet und frohe Erfolgsmeldungen in die Welt setzt, werden hier die Details geprüft, liest Mia die entsprechende Studie. Mit einem Zauberhändchen findet sie blitzartig auf der Seite der Eidgenossenschaft, was sie sucht. Ich habe noch nicht begonnen, weil ich regelmässig das, was ich suche nicht finde.

Auch ohne Recherche ist ganz klar und das wird vom BSV natürlich nicht offen diskutiert:

  • Es wurden noch keine Zahlen publiziert, wieviele behinderte Menschen ihren Arbeitsplatz dank der 5. IV-Revision behalten konnten.
  • Ganz wichtig wäre auch zu wissen, welcher Arbeitsplatz stand echt in Gefahr und wo hat die IV eingegriffen, um ihre Statistik aufzupolieren. – Wenn ich die Zahl noch richtig im Kopf habe, kommt die IV nach einem Monat Krankheitsabwesenheit ins Spiel. Da wird – vermute ich – viel zur Optimierung der Statistik getan. z.B. ein komplizierter Beinbruch führt in der Regel nicht zum Verlust des Arbeitsplatzes, weil die Einstellung der Gesellschaft eine andere ist.
  • Auszuweisen wäre auch die Zahl derer, die aus der Rente ausgegliedert und stellenlos auf dem Sozialamt gelandet ist oder der unwürdigen Finanzierung durch Angehörige: Mancher, der essen will und ein Dach über dem Kopf braucht, muss einfach schweigen, weil er in der Position des Schwachen ist. Ich habe früher an meinem Arbeitsplatz gesehen, wie Angehörige z.B. mit Demenzkranken umgesprungen sind. Natürlich ist es eine Frage der Überforderung. Mancherorts war es eine Frage des Geldbeutels: Der Demenzkranke wird in keine Institution gebracht, sondern vermeintlich liebevoll zuhause gepflegt und so bleibt das Erbe beisammen.

Genau bei der letzten Zahl hat Radio DRS gemeldet, dass eher ein Rückgang zu vermelden sei, dass trotz vermehrter Anstrengung weniger Menschen eingegliedert werden konnten. Ursula Schaffner von AGILE hat es auf den Punkt gebracht: Solange die Arbeitgeber nur fordern und keine Arbeitsplätze für behinderte Menschen zur Verfügung stellen, kann die IV Revision um Revision durchziehen und an den Arbeitsplätzen für behinderte Menschen ändert sich nichts.

Was in diesem Zusammenhang natürlich nicht erwähnt wurde: Die Situation der Behinderten verschlechtert sich von Revision zu Revision. Im Gegenteil: „Arbeit vor Rente“ ein Gedanke, der seit der Geburt der IV Pate stand, so neu also nicht ist, diese Neuausrichtung habe den RentnerInnen viel gebracht. Besonders die Menschen, die keine IV zugesprochen bekamen, werden sich dankbar an die Revision erinnern. – Man erinnere sich rasch an fragwürdige Methoden von Medas- und ABI-Gutachtern und die Diskussion, ob sie von der IV unabhängig seien.

Wer keinen Juristen hat oder sonst jemanden, der gegenüber der IV seine Interessen vertreten kann, bekommt heute kaum mehr eine Rente. Ob das vom Volk so gewollt ist?

Der Wasserkocher

„Kennst du die Geschichte vom Wasserkocher?“, frage ich. Mein Gegenüber verneint und ich beginne zu erzählen:

„In den Jahren, als ich finanziell am Boden lag und auf eine „Zwischenfinanzierung“* der Sozialhilfe angewiesen war, hatte ich eine für mich zuständige Person. Ich gebe ihr den Namen „Gut“. Gut war also zuständig für die Sozialfälle in meiner Gemeinde. Die komplizierten Fälle wurden an eine andere Stelle weitergereicht. Gut war zuständig für die einfachen Fälle. Zu denen gehörte ich. Ich brauchte Geld, ich hatte brav gewartet, bis mein Vermögen nur noch 4.000.- Franken betrug und dann kam ich. Rasch, bei 4000.- kann keiner lang warten, wurde ein Budget erstellt:

  • Existenzminimum
  • Wohnung – ausnahmsweise dürfen sie in ihrer zu teuren Wohnung bleiben
  • Krankenkasse – ausnahmsweise stufen wir ihre Krankenversicherung nicht zurück
  • Gesundheitsausgaben – in ihrem Fall sind wir ausnahmsweise grosszügig

Gut kam sich sehr gut vor. Sie hatte keine Ausbildung für Sozialarbeit, war zu einer Zeit der Not eingesprungen und hatte das Amt übernommen. Was ihr an Fachwissen fehlte, machte sie mit Gefühlen wett. Ich, auf der anderen Seite des Tisches wusste genau, dass ich nur eins konnte: „Gring abe und seckle“, was in dem Fall hiess, Gut ein gutes Gefühl zu vermitteln, damit sie mich möglichst in Ruhe liess, mir, wenn es unumgänglich war, Extrageld bewilligte, was sie in bescheidenem Rahmen auch tat.

Als Kind hatte ich mit Eifer und jahrelangen Mühen Skifahren gelernt. Eine Sportart, die ich gern betreibe und nun, in die Jahre gekommen, noch ausüben will, solange ich kann. Ich fahre leidlich gut und bin mit meiner Skilehrerin unterwegs.

Als meine Gesundheit auf dem Stand war, dass ich in die Skiferien konnte, informierte ich Gut, dass ich beabsichtige in die Skiferien zu fahren. – Man weiss, was über SozialhilfebezügerInnen gesagt und geschrieben wird, die es wagen, sich ein bisschen Lebensfreude zu gönnen. Sofort werden sie in der Luft zerrissen. Skiferien heisst für mich Hotel und Skilehrerin, ist ein teurer Spass. Den hatte ich mir am Mund abgespart, an Kleidern und täglichem Bedarf. Ich benötigte von Gut kein Extrageld, wollte einfach keine „Lämpen“, falls mich in dem Skiort jemand aus der Gemeinde sähe oder noch schlimmer ein Mitglied meiner Behörde.

„Nehmen Sie den Wasserkocher mit“, ermahnte mich Gut, „man muss nicht jeden Kaffee im Hotelrestaurant trinken.“ Natürlich folgte ich dieser Anweisung und wagte nur jeden zweiten Abend auswärts essen zu gehen, begnügte mich mit einem heissen Getränk oder einer Bouillon und Sandwiches. Damit war meine Einsamkeit bis in meine Ferien vorgedrungen, was medizinisch gesehen der perfekte Blödsinn ist. In dem Jahr begann meine Skilehrerin, mich zu sich zum Essen einzuladen.

Der „Wasserkocher“ wurde zum geflügelten Wort für behördliche Schikane und dummes Sparen, nebst der Tatsache, dass selbst ein Sozialhilfebezüger von Gesetzes wegen selbst entscheiden kann, wie er sein Geld einteilt. Aber das wusste Gut wohl nicht, weil sie nicht vom Fach ist. Heute ist Gut zum Glück all meiner NachfolgerInnen beim Sozialamt pensioniert und durch eine kompetente Fachperson ersetzt, die mit viel Verständnis zuhört und die Würde eines Menschen nicht antastet.  Ich muss nicht mehr auf die Gemeinde, weil meine Versicherungen bezahlen. Finanzielle Unabhängigkeit ist grossartig. Bald fahre ich in meine Skiferien. Ohne Wasserkocher. Nie wieder mit Wasserkocher.“

* Die für mich zuständige Person, Gut, betonte immer, dass ich nach Antritt meines Erbes, meine Schulden bei der Gemeinde würde begleichen müssen. Nie in Betracht zog sie, dass mir als versicherter Person Versicherungsleistungen zustehen, obwohl ich sie unzählige Male höflich darauf aufmerksam machte.

Nachtrag 25. 9. 2021: Es handelt sich um Frau Lüps, studierte Biologin oder Zoologin nach meiner schwachen Erinnerung. Ich kam mir immer wie ein Aff, Ich heisse Gr-AFFENried unten am Tisch vor, der zeigen sollte, ob er eine Banane essen konnte.

Umgestellt

Ich betrete das Zimmer und bin allein. Ich stehe da und kann es nicht fassen. Das Zimmer ist umgestellt, die zwei Stühle stehen nicht mehr im Abstand von drei bis vier Metern parallel zum Fenster. Überraschend allein, kann ich mir die Zeit nehmen, um mir zu überlegen, wo ich mich hinsetzen will: Lieber mit dem Rücken zum Fenster oder mit dem Rücken zur Tür? – Ich schaue gern aus dem Fenster, dann muss ich in Kauf nehmen, dass ich nicht sehe, wenn jemand von hinten, durch die Tür kommt, was bisher noch nie vorgekommen ist. So sitzend hätte ich die Wand links von mir. Sitze ich mit dem Rücken zum Fenster, fühle ich mich vermutlich im Raum eingesperrt, weil ich keine Aussicht mehr habe. Na ja, eigentlich ist dieser Raum gedacht, um Einsicht zu gewinnen, schliesslich handelt es sich um das Behandlungszimmer meiner Psychiaterin, und nicht, um die Aussicht zu geniessen.

Ich entscheide mich, für den Stuhl, der Richtung Fenster steht. Auf den Blick zu den Postkarten, mit den Seerosen werde ich verzichten müssen, ausser, sie werden umgehängt. Wo mir die abgebildeten Seerosen Worte schenkten, wenn ich nach einem genauen Begriff suchte, um meine Gedanken zu sammeln und zu äussern. Von all den Karten habe ich mir meistens eine angeschaut, mit einer einzigen grossen Blüte auf einem Seerosenblatt. Rosa und grün. Um den tieferen Sinn habe ich mich nicht gekümmert. – Viele Behandlungszimmer von PsychiaterInnen ähneln sich: Postkarten stehen irgendwo rum, in die die PatientInnen alles hineinlesen können, manchmal hat es vereinzelte Bücher mit tiefschürfender Weisheit, bevorzugt aus fremden Kulturen. – Bis auf den heutigen Tag habe ich nicht begriffen, warum ein buddhistischer Spuch besser wirkt als einer, eines – oh Schreck –  europäischen, christlichen Wüstenvaters.

Ich setze mich und überlege, wieviel Energie ich nun in den Raum stecken muss, nur, weil das Mobiliar umgestellt ist. Das ist Teil meiner Wahrnehmungsstörung, dass ich in solchen Momenten nicht zu beziffernde Mengen Energie verliere, die mir logischerweise später am Tag für andere Aktivitäten nicht mehr zur Verfügung stehen. Abends sinke ich müde in mein Bett, obwohl ich nicht arbeiten muss, wenige Aktivitäten habe, gezielt Ruhepausen einschalte. Das Bedürfnis, die Beine hochzulegen, lässt mich um 20.00 Uhr Richtung Schlafzimmer verschwinden. Dann lese ich, bis mir die Augenlieder runterfallen.

Am nächsten Morgen, manchmal sehr früh, bin ich wach und beginnt die nächste Herausforderung. Auf dass heute keiner sein Zimmer umgestellt hat. Mir reicht die Aussicht wegen der schlechten Witterung mit ÖV in die Physiotherapie zu fahren und keine Ahnung zu haben, wo genau der Anschlussbus abfährt. Die Aufregung, nicht zu wissen, wie genau mein Weg verläuft, frisst ebenso Unmengen Energie. – Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, muss ich mir bei jeder Fahrt, auch „bekannten“ Wegen überlegen, wie die Route verläuft. Bei ähnlichen Wegen ist es durchaus möglich, dass ich mich verfahre und meine Routenwahl korrigieren muss. Mit dem Auto ist das kein Problem: Ein kleiner Umweg und schon bin ich wieder dahin unterwegs, wo ich hin wollte. Das ist einer der Gründe, warum ich gern mit dem Auto unterwegs bin, weil sich meine Fehler rasch korrigieren lassen und ich deshalb stressfrei unterwegs sein kann.

„Stressabbau“, ein Dauerthema für Menschen mit einer Hirnverletzung. Instinktiv berechne ich zuerst den Aufwand und den Ertrag einer Tätigkeit, bevor ich entscheide, in welcher Art ich eine Aufgabe anpacke.

Weggesperrt

Im Buch „Weggesperrt“ beschreibt der Beobachter, wie bis 1981 Menschen in Gefängnisse gebracht wurden, die keine Straftat begangen hatten: Die Vormundschaftsbehörden konnten verfügen, dass insbesondere Aussenseiter und ledige Mütter, denen sogar die Neugeborenen weggenommen wurden, auf unbestimmte Zeit in Administrativhaft gesetzt wurden. Bis 1981. Danach wurde alles gut? Ich lese das Buch.

Ich habe von diesem Buch gehört und ich verzweifle daran: Auch nach 1981 ist die Vormundschaftsbehörde in der Schweiz aus Laien zusammengesetzt. Auch nach 1981 hat sie Vollmachten, die erstaunen. Und sind Fachpersonen in jedem Fall besser? Es macht sicher einen Unterschied, ob ein Mensch in ein Gefängnis muss oder mit dem „fürsorglichen Freiheitsentzug“ auf eine geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik kommt. Einen FFE verordnen Fachleute. Ich bezweifle laut, dass sie wissen, was sie tun. In einer psychiatrischen Klinik, deren Abläufe ich kenne, verordnet der hauseigene Arzt einen FFE, was laut Gesetz nicht rechtens ist. Klar, dann muss innert der gesetzlichen Frist der zuständige Regierungsstatthalter erscheinen. Man stelle sich die Tischrunde vor, die sich ergibt: Ein Patient, der nicht gut tut und mit Medikamenten ruhig gestellt ist, behandelnde Fachleute und der Regierungsstatthalter. Vielleicht auf der Seite des Patienten Familienangehörige, wenn er nicht auch dort längst die Rolle des schwarzen Schafes spielt. – Klar ist dieser Ablauf formaljuristisch besser, als der bis ins Jahr 1981. Aber die Fachpersonen, die kennen sich und der Patient, über den entschieden wird, ist ausgeliefert. Dieses Machtgefälle ist geblieben. Erfahrungsgemäss führt die Situation, dass Menschen über andere Menschen Macht haben in Versuchung. Wenige Menschen können dieser Versuchung widerstehen. Viele erachten es mit den Jahren als selbstverständlich, dass sie Berichte über Menschen schreiben, Gutachten abfassen und ganz grundsätzlich Gott spielen im Leben anderer. Ich habe mich gewundert, dass nette Menschen, empatische Männer und Frauen das Fachpersonal in Psychiatrien stellen: Leider konnte ich keinem je mich brennende Fragen stellen, die z. B. lauten:

  • Glauben Sie, dass Langeweile zur Genesung führt?
  • Denken Sie nicht, dass Entmündigung krank macht?
  • Was halten Sie von Ihren Zielformulierungen für ein Leben?
  • Wie kann ein(e) PatientIn Sie so beschäftigen, dass Sie sich wohl bzw. beschäftigt fühlen und dem/der PatientIn den Freiraum geben, um gesund zu werden?
  • Denken Sie allen Ernstes, dass Menschen psychisch krank Dinge können, die sie in gesundem Zustand nicht auf die Reihe kriegen?
  • Wer hilft mit realen Problemen? z.B Rechnungen bezahlen, Wohnungen putzen, Arbeit/Beschäftigung finden, auf einem Niveau, das nicht gleich wieder krank macht?
  • Warum wird man in der Klinik weiter traumatisiert? Denken Sie, so werden PatientInnen gesund?
  • Wissen Sie eigentlich, dass eine psychiatrische Klinik 50% ihrer Probleme selbst verursacht, um hernach Heilung dagegen zu finden? – Sie wissen nicht, was ich meine? – Langeweile, Anstehen für Medikamente, Zwangsmassnahmen, Isolation, Abschieben der Verantwortung, Weigerung mit anderen medizinischen Fachrichtungen zusammen zu arbeiten.
  • Warum unternehmen Sie nichts gegen die Trinkerei im Raucherraum? Haben gewisse PatientInnen Privilegien oder realisieren Sie nicht, was dort abgeht?

Nach 1981 ist alles gut? Eine gerechte Welt stelle ich mir anders vor, als dass man ein unwürdiges Geschehen rechtlich etwas anders abstützt (Paragraphen neu formuliert) und vom Gefängnis in die Psychiatrie verlegt. Das Geschehen ist subtiler geworden: Körperliche Gewalt wird nur noch in Ausnahmefällen angewandt: Patienten werden in Isolationszellen gebracht und auf Betten 5- bzw. 3- Punkt fixiert. Ein Vorgehen, das im Altersheim bei dementen PatientInnen zum Einsatz kommt.

Dass sich Menschengruppen mit anderen Menschengruppen nicht identifizieren können, dieser Umstand bleibt in der Psychiatrie bestehen. Im Buch „Weggesperrt“ können sich junge Mütter zu Recht nicht mit Straftäterinnen identifizieren. Mit Kleinkriminellen, die lieber in die Psychiatrie gehen als in den Vollzug kann sich ein Psychiatriepatient nicht identifizieren. Wer identifiziert sich mit der verwahrlosten Frau, deren Exkremente vorne und hinten die Hose dunkel oder braun färben und die sich auf „unser“ Sofa in „unserem“ Wohnzimmer setzt? Bei den Mahlzeiten sitzen ihr nur naive Neulinge gegenüber. Sie spuckt ihr Essen in regelmässigen Abständen zwischen den Zähnen hervor über den ganzen Tisch. Zumutbar? – Einfach nicht bekannt, weil sich solche Dinge in Räumen ausserhalb der Gesellschaft abwickeln und keiner, der dort war, sich daran erinnern will und darüber berichtet: Die meisten vergessen das lieber, tanzen weiter den Tanz der Institutionen und ich frage mich, welchem die Integration in die Gesellschaft gelingt und welcher, dieser bunten Mischung, rasch stirbt.

Ich lasse es für heute bei diesen wenigen Personen bewenden. Ein Wort zu illegalen Hanfplantagen. Hanf ist ein uraltes Heilmittel. Gerade für Menschen mit zusammengezogenen, verkrampten (Fachausdruck: spastischen) Muskeln, wirkt Hanf, richtig eingesetzt, oftmals besser krampflösend als Medikamente, die auf dem Markt erhältlich sind. Da sich unsere Gesellschaft liebend gern auf Probleme stürzt, die keine sind und dafür Probleme übersieht, die ihre Existenz gefährden, ist auch für Spastiker die Einnahme von Marijuhana illegal.

1981 war das Ende einer Ära. Ganz offensichtlich konnte die Institution Vormundschaftsbehörde und Erwachsenenschutz nicht in einer gesetzlichen Anpassung so revidiert werden, dass sie überzeugt. – Interessant war zu erfahren, dass die Schweiz ihre Praxis anpassen musste, weil sie der Europäischen Menschenrechtskonvention beitreten wollte. – Fremde Richter bringen schweizerisches Unrecht ein Stück weit – so viel wie nötig und so wenig wie möglich – in Ordnung.

Wieder steht ein neues Gesetz an und im kommenden Jahr im Parlament eine neue Konvention: Die Ratifizierung der UNO Behindertenkonvention. Meine Prognose: Die Räte werden die kleinstmöglichen Zugeständnisse machen und ich bezweifle, ob das neue Kinds- und Erwachsenenschutzrecht mit der UNO Behindertenkonvention kompatibel ist. Auf diese Diskussion, bin ich sehr gespannt.

Nachtrag 25. 9. 2021: Es handelt sich um die Klinik Meiringen, Privatstation Des Alpes.

Wie funktioniert (m)eine Behörde?

Wenn ich wüsste, wie sie funktionieren, könnte ich diese Menschen besser verstehen. Oft denke ich diesen Satz. Wenn ich nachvollziehen könnte, warum diese Menschen solche Entscheide fällen, wie in meinem Fall, wäre mein Schmerz, so hoffe ich, kleiner.

Ich bin verwundert, dass die Erkenntnis, dass hier Unrecht am Werk war, meinen Schmerz nicht lindern konnte. Irgendwann war mir von Bekannten, Ärzten und Fachpersonen, die mein Leben begleiteten so oft gesagt worden, dass die Behörden falsch gehandelt hatten, dass kein Zweifel daran bestand. – Ein „Gratisjurist“ hatte sich eingesetzt. Er war, wie ich erst später realisierte, unfähig. Mein Neuer, Bezahlter hat in wenigen Wochen mehr erreicht als  der frühere in zwei Jahren. Er hatte „Mediation“ versucht, als längst Taten gefragt waren.

Trotz der eindeutigen Lage, wurden meine Gefühle nicht ruhiger, ich litt weiter. – Wie ungerecht ist dies: Ich erleide Unrecht und meine Seele leidet weiter, genau an diesem Unrecht. Ich kann froh sein, wenn es mich nicht aus der Bahn wirft, ich irgendwie den Alltag bewältige und hoffentlich irgendwann gelassener auf diese Zeit zurückblicken kann.

Natürlich ist klar, dass die Psyche Warnsignale abgeben soll, wenn sie überfahren wird und schmerzt. So signalisiert auch der Körper, wenn er verletzt wird. Nicht um uns zu ärgern oder mit unnötiger Arbeit einzudecken, sondern um uns die Gelegenheit zu geben, uns zu verarzten und den Heilungsprozess in Gang zu setzen.

Bei meinen seelischen Sachen höre ich: Das ist schwierig.

Ach nein. Dass es schwierig ist, habe ich schon selbst herausgefunden. Wie im Märchen habe ich mich auf den Weg gemacht, die Zauberblume zu finden, die mich heilt und erlöst. Es entspricht nicht meiner Einstellung, mich in ein schweres Schicksal zu ergeben.

Wie also funktioniert diese Behörde? Ich kann davon ausgehen, auch wenn ich die Leute nicht kenne, dass viele, vielleicht alle rechtskonservativ denken. Einige haben einen Universitätsabschluss. Einer, den ich von früher kenne, ist trotz Uniabschluss nicht sehr intelligent. Er hat seine akademischen Ziele nicht erreicht, musste damals die Studienrichtung wechseln. Sowas ist mir nicht passiert: Die Eifersucht, dass ich als behinderte(s) Mensch ein Studium vollendet habe und in diesem Beruf gearbeitet habe, ist weiter verbreitet, als mir bewusst ist und spielt hier sicher mit. Behinderte gehören auf eine niedrige Stufe der Existenz und dürfen einem nicht überfllügeln. Sonst gibt es Haue. Da die Situation scheinbar so günstig war, kam ich unter die Räder. Wie heisst ein philosophischer Satz so schön: „Alles geht vorbei.“

Das haben die Mitglieder dieser Behörde nicht mitbedacht, dass es eine Zeit danach geben wird. Genau dieser Fall ist eingetreten: Ich lebe nicht abgeschoben in einem Heim, sondern selbstbestimmt in meiner Wohnung. Ich kann tun und lassen, was mir gefällt und ich suche täglich nach Möglichkeiten und Tricks, die mein Leben lebenswerter machen. Menschen, die mich über die letzten Jahre beobachten, sagen, dass ich darin unermüdlich und ziemlich erfolgreich sei. Mit den letzten Neurungen, die ich vor etwa zwei Wochen eingeläutet habe, bin ich mit dieser Sichtweise allmählich einverstanden: Als Tagesstruktur Trompete spielen und schreiben. Kontakt mit ausgewählten Bekannte, die mich mögen und Fachpersonen, die mich lehren. Hin und wieder Ferien, die mich mit Vorfreude erfüllen und hernach mit begeistertem Rückblick. So stelle ich mir mein Leben im Moment vor.

Viel mehr weiss ich über „meine“ Behörde nicht. Es fragt sich, ob eine Behörde Akteneinsicht gewähren muss, wie z.B. ein Spital. Im Moment wäre mir das zuviel. Aber später einmal,  könnte es durchaus spannend sein. – Im Moment reicht es mir, diesen Behörde-Menschen fröhlich ins Gesicht zu lachen und mein Leben zu geniessen. Mein Leben zu geniessen, allen Umständen zu trotz, das betrachte ich als meine Lebensaufgabe.

Letzthin habe im im TV(runterscrollen zu „Heike Dorsch“) einen Satz aufgeschnappt: Einer jungen Frau, war ihr Lebenspartner, mit dem sie über die Hälfte des Lebens verbracht hatte, getötet worden. Sie gab klar zu Ausdruck, dass sie dem Mörder, der ihr bereits unfassbar viel Leid angetan hatte, nicht den Rest ihres Lebens schenken wolle.

So stelle ich mir mein Leben vor, als mir gehörend und als von mir zu gestalten.

Erzählfiguren des Blog

Das „ich“ dieses Blogs bin ich selbst, anonym und soweit ich mich erinnere, habe ich mich nicht geoutet, ob ich männlich oder weiblich bin. Solange mir nicht 100% klar ist, welche Themen ich in welcher Form veröffentlichen darf, bleibe ich vorsichtig.

Es gibt Menschen aus Zeitungsartikeln, wie dem „Beobachter“ oder dem „Bund“, deren Initialen geändert werden, wenn das Thema zu persönlich oder juristisch zu brisant wird. Bei behinderten Menschen hat eine Anonymisierung oft mit der Angst vor der IV zu tun: Eine Verschlechterung der Lebenslage hilft keinem.

Solche anonymen Namen erfinde ich selbst, wenn ich über mir bekannte Personen in meinem Blog berichte. Ich könnte diese Personen fragen, ob sie unter ihrem wirklichen Namen und mit ihren echten Lebensumständen in meinem Blog vorkommen wollen oder nicht. Dagegen spricht aber, dass meine Anonymität sehr rasch in Gefahr käme, weil bekannt würde, dass dieser Blog mir gehört.

Soweit so klar. Ich habe es an anderer Stelle erwähnt, dass es mir um Aufklärung geht, darum, eine Brücke zwischen behinderten und nicht behinderten Menchen zu bauen. Klar stelle ich mich den Ungerechtigkeiten, dem Filz der in Organisationen, bei den Behörden, Familien, im Beruf, in einem Dorf oder einer Stadt herrscht. Für LeserInnen jedoch, ist es eintönig, wenn nur diese Schiene gefahren wird: Ungerechtigkeit und Misstände werden gründlich recherchiert und es wird aufgezeigt, welche Konsequenzen Gesetze und Handlungen oder das Verhalten der Gesellschaft für Behinderte hat.

Für mich ist es schnell ermüdend, wenn ich recherchiere, aber genau weiss, dass diese Recherche nur von wohlwollenden LeserInnen ernst genommen wird. Ein Beispiel: Seit Jahren ist vom Bundesamt für Statistik belegt, wie niedrig der Versicherungsbetrug der IV-RentnerInnen und der Personen die eine IV-Rente beantragt haben, ist. Diese Zahl, obwohl ausgewiesen, kommt bei PolitikerInnen nicht an. Einer hat mir gesagt, dass diese Zahl nicht stimmen könne und sicher höher sei. Es nützt nichts, einen Sachverhalt darzulegen und zu denken, damit sei die Aufklärung getan. Um bis in den Kopf, das Gedächtnis eines Menschen vorzudringen und damit hoffentlich eine Veränderung des Verhaltens herbeizuführen, braucht es zusätzlich andere Methoden und Stilmittel, vermutlich auch mehr als Sprache. Die nachhaltigste Veränderung wird durch eigenes Erleben ausgelöst. Solange wir nicht an dem Punkt sind, braucht es BrückenbauerInnen. Irgendjemand muss nicht behinderten Menschen erklären und ausführen, warum ein gesellschaftliches Zusammenleben wichtig ist, wer was dazu beitragen kann und welche Fähigkeiten und Bedürfnisse behinderte Menschen haben, die sich nicht Behinderte nicht vorstellen können.

Mein Blog ist meine Experimentierwiese: Gestern habe ich eine „Sie“ eingeführt. Diese „Sie“ hat noch keinen Namen, bleibt aber vorläufig die gleiche Person. Wenn mir danach ist, werde ich weitererzählen, was sie denkt und erlebt. Wenn die Artikel zuviel werden und ich die Übersicht zu verlieren beginne, kann ich ihr einen Namen geben und ihre Artikel so zu einem Ganzen bündeln.

Ich werde an meinem Schreibstil arbeiten und andere Schreibformen ausprobieren. Wenn ich eins nicht will, dann ist es, meine LeserInnen langweilen.