„Hast du Kinder?“

Von den behandelnden Ärzten war sie ermuntert worden, sich ein neues Beziehungsnetz aufzubauen. Nach Jahren der Krankheit, war nicht viel übrig geblieben, berufstätig war sie nicht und die finanzielle Lage desolat. Zudem hatte das Sozialamt sie verpflichtet, Freiwilligenarbeit zu leisten. – Später würde ihr Invaliditätsgrad 100% betragen, aber zu dem Zeitpunkt interessierte das noch niemanden.

Zu ihrer Zeit und in dem Land, in dem sie lebte, herrschte die Ansicht, dass wer Sozialhilfe bezieht, dafür etwas leisten muss. In ihrem Fall musste sie sich glücklicherweise für keine Stellen bewerben, weil das IV-Verfahren lief und all Ihre Bemühungen nach Integration fehlgeschlagen waren. Zugegeben, die angebotenen Arbeitsplätze waren allesamt ungeeignet. An einem hatte sie die Dosis der Benzodiazepine erhöhen müssen. Einfache oder einfachste Arbeiten waren ihrem Ausbildungsstand unangemessen und sie fühlte sich in schmutzigen Räumen mit vielen geschwächten, suchtkranken oder vom Schicksal gezeichneten Menschen nicht sehr wohl. Sie hätte Stabilität, Freundlichkeit und einen kleinen, übersichtlichen Rahmen gebraucht, um ihre Fähigkeiten, die sie durchaus noch besass, entfalten zu können. Aber sowas war in den Mühlen der IV nicht vorgesehen. Vielleicht war das so gewollt, weil behinderte Menschen das zu tun haben, was ihnen aufgetragen wird und nicht selbst denken sollen. Sie aber hatte immer selbst gedacht. Sie konnte sich seit Kindsbeinen an nichts anderes erinnern. Manchmal erschrak sie selbst über ihre Schnelligkeit, mit der sie Zusammenhänge erfasste und faule Strukturen durchschaute. Der zweite Arbeitsmarkt hatte, soweit sie ihn kennen gelernt hatte, Schlagseite.

Sie hatte sich noch nicht an ihre Einsamkeit gewöhnt. Ihre letzte lebhafte Erinnerung an ihr Kind war, dass dieses die Augen senkte. Dieses Niederschlagen der Augen hatte sie mitten ins Herz getroffen, obwohl sie sehr krank war. Das also war das Ende einer Kindheit, bloss auf Jahre wie ihr gutmeinende Menschen tröstend versicherten oder bis zum Ende ihres oder des Kindes Leben? Sie wusste es nicht, hatte Angst irgendetwas an diesem Schmerz zu bewegen, der zurückgeblieben war.

Zuerst zog es ihr, krank, wie sie war, den Boden unter den Füssen weg. Lange wäre sie lieber tot gewesen. Sie sprach kaum über ihr Muttersein. Sie sprach von allem andern, das sie in ihrem Leben gemacht hatte. Da war ihre Ausbildung, ihr Beruf, all die Jahre ihrer Berufstätigkeit, das Glück, dass sie in ihren Hobbies fand, das Leben, das sie im Schnellzugtempo gelebt hatte, weil sie spürte, dass der Boden unter ihren Füssen wackelte. Nie hätte sie sich vorgestellt, dass der Sturz so tief sein würde. Aber sie hatte gegen allen Widerstand das gemacht, was ihr wichtig war, damit sie später nichts bereuen müsste. Ihren Berufswunsch hatte sie gegen ihre Eltern durchgesetzt und war später froh darüber. Ohne genau diese Ausbildung wäre sie im Beruf unglücklich gewesen und wäre heute, wo sie auf Versicherungsleistungen angewiesen war, viel schlechter gestellt. Bei aller Sparsamkeit legte sie doch Wert auf gewisse Annehmlichkeiten.

Sie hatte früh geheiratet, sich später scheiden lassen und in einer zweiten Ehe nochmals das Glück versucht. Alles, was sie gelebt hatte, konnte ihr niemand nehmen. Aus späterer Sicht waren die Ehen nicht gut. Allerdings wusste sie genau, dass sie nichts besseres zustande gebracht hätte. Bis zum heutigen Tage hatte sie keinen Mann kennen gelernt, mit dem sie hätte alt werden wollen. Deshalb wohl war ihr der Friede mit ihrem Berufleben so wichtig. Wie alle Menschen schaute sie gern auf das zurück, was ihr gelungen war.

Was ihre Kindererziehung anbelangte, hatte sie kein schlechtes Gewissen. Sie hatte ihren Kindern das gegeben, was sie konnte. Sie hatte sie mit den Werten behandelt, die ihr wichtig waren. Jetzt hatten sich die Kinder entschlossen, die Werte kennen zu lernen, die ihr widerstanden. Beide Kinder mussten selbst entscheiden, was sie wollten. Ihr als Mutter stand es nicht zu, sich hier einzumischen. Aber als sie viel zu früh alleine dastand, hatte sie langsam wieder Boden unter die Füsse bekommen. Sie hatte sich nach neuen Kontakten umgesehen. Sie hatte bei der Freiwilligenarbeit Menschen kennen gelernt. Nach einigen einschlägigen Erfahrungen hatte sie auf die Frage: „Hast du Kinder?“, mit einem flotten: „Nein“, geantwortet. Sie brauchte im Leben Schutz gerade in dieser schwierigen Situation und nicht Mütter oder Väter, die sie fassungslos und mitleidig anschauten und sie in die Schublade „Rabenmutter“ steckten. Was wussten diese Heile-Welt-Menschen schon von ihrem Leben, den Intrigen, die gegen sie gesponnen wurden und all den Ungereimtheiten, die sich zufälligerweise nur gerade in ihrem Einzelfall angesammelt hatten. Eines Tages, das wusste sie, würde sie sich wehren. Sie wusste es sicher und fest. Sie konnte warten, hatte Geduld und Ausdauer. Denn eines hatten all ihre Gegner übersehen: Sie konnte schreiben.

Heilung kann ihre IV-Rente gefährden

Heilung kann ihre IV-Rente gefährden. Das hat die FMH herausgefunden. Eine einfache Erkennntnis angesichts der laufenden IV-Revision, mit der ein stufenloses Rentensystem eingeführt werden soll. Nur, die FMH sollte sich nicht zu sehr grämen: Wenn ein behinderter Mensch gesünder wird und als Folge davon die Rente gekürzt wird, dann beginnt der grosse Stress:

Ein Rechenbeispiel: Durch gute medizinische Behandlung verbessert sich der Gesundheitszustand von Herrn X. um einen Zwölftel: Die IV bezahlt einen Monat weniger Rente: Im Geldbeutel von Herrn X. fehlen z.B. 1700.- Franken IV-Rente und 3000.- Franken Pensionskassenrente. Er hat pro Monat 200.- Franken weniger Geld und muss sich überlegen, wo er 200.- einsparen kann. – Ich empfehle an dem Punkt Aldi, Migros Budget und Coop Prix Garanti weil diese drei für wenig Geld Menschen ernähren.

Herr X ist sehr besorgt, findet natürlich keine Arbeitsstelle und wird, wie gesunde Arbeitssuchende nach einem halben Jahr Arbeitssuche entmutigt, depressiv und muss sich deshalb medizinisch behandelt lassen. Zur bestehenden Behinderung kommen jetzt gesundheitliche Probleme und der Fall wird – alles ehrlich zusammengerechnet – teurer.
Ich denke, dass Politiker, die solche Entscheidungen fällen, zu wenig Phantasie haben, um zu erkennen, was die Folgen ihrer Entscheidungen sind, Oportunisten sind und den Zeitgeist nachplappern oder irgendetwas vorliegt, was ich mir nicht vorstellen kann. Der jeweilige Hinweis, dass ein Einzelfall nichts beweise, finde ich sehr delikat: Natürlich gibt es für jede mögliche und unmögliche Situation einen Einzelfall. Aber nur Zahlen rumschieben und auf dem Papier sparen, bringt nichts. Was die logischen, praktischen Folgen sind, sollte bedacht werden.

Wachsende Behinderung

Gestern habe ich über die Not geschrieben, eine Behinderung so zu erklären, dass die Erklärung eine Hilfe ist und nicht die Wirkung einer zusätzliche Barriere entfaltet. Als behinderte Person, die ZuhörerInnen will, muss ich darauf achten, nicht langfädig zu werden. Aber selbst wenn sich ein Gespräch ergibt, kann ich meine Seele verletzen.

Voraussetzungen:

  • Ich bin aus voller Überzeugung für Aufklärung.
  • Die Innenansicht eines Betroffenen ist durch keine Aussenansicht einer Fachperson zu ersetzen.
  • Ergo ist es unsere Aufgabe als behinderte Menschen uns in unserem Umfeld einzubringen. Unsere Sicht der Dinge ist nicht zu verwechseln mit den Wünschen und Nöten unserer Angehörigen.

Gesprächsverlauf

Gehen wir von der Situation aus, dass ein Mensch Interesse an meiner Behinderung signalisiert. Wir haben Zeit und ich gebe mir ehrlich Mühe, seine Fragen zu beantworten. Ich baue eine Brücke zwischen seiner und meiner Welt. Da mir das gut gelingt, löst eine Frage die andere ab und es vergeht Zeit.

Es gibt Gesprächsverläufe und Resultate, die ich mir nicht wünsche:

Einer ist, dass ich spüre, wie mit jedem Satz, den ich sage, meine Behinderung wächst und wächst. Statt dass Erklärungen als Verfeinerungen eines vorliegenden groben Systems aufgefasst werden, werden sie addiert: Das ist nicht möglich und das geht auch nicht und das auch nicht… und auch nicht …. und auch nicht…. und auch nicht. Übrig bleibt eine zu bemitleidende Kreatur, die Mitleid höflich entgegennehmen sollte und sich dafür höflichst bedanken. Je weiter so denkende Menschen von mir weg sind, desto besser geht es mir.

Zurück zum Gesprächsverlauf: Das Grobkonzept lautet: Ich habe bei meiner Geburt eine Hirnverletzung erlitten. Damit ist alles umfasst. Jeder zusätzliche Satz ist eine Präzisierung dieses ersten Satzes. Es kommt keine weitere Behinderung dazu. Ich beginne zu gewichten, wenn ich weiter ausführe, dass meine Wahrnehmung betroffen ist und so von Satz zu Satz in Details meiner Behinderung vorstosse.

Wenn als Schlusssatz der/die GesprächspartnerIn sagt: „Ich danke dir für deine Offenheit“, dann weiss ich mittlerweilen aus leidvoller Erfahrung, dass ich viel gegeben habe, aber höchstwahrscheinlich nichts zurückbekomme. Es kann sein, dass das Geschehen, was ich als Aufklärung empfinde für einen nicht behinderten Menschen so aussieht, dass er sich einredet mir einen Dienst zu tun, wenn er mich über meine Behinderung ausfragt. Genau eine Ausfragerei oder Abfragerei ist es dann und eben kein richtiges Interesse. Gefühlsmässig aber läuft das bei mir so: Ich gebe und gebe und wenn die Zitrone ausgepresst ist, dann wird sie weggeworfen. Ausgenutzt und weggeworfen komme ich mir in solchen Situationen vor. Das fühlt sich schlecht an und ich wünschte mir, ich wüsste zum Voraus, wann eine Begegnug sich so entwickeln wird.

Etwas ähnliches passiert bei Fachleuten, die von meiner Krankenkasse bezahlt werden und mir sagen, dass sie von meinen Ausführungen auch für andere PatientInnen sehr viel profitieren. Warum werden sie dann von mir bezahlt und bezahlen nicht mich, weil ich sie weiterbilde?

Wohldosierte Aufklärung ist die Lösung: Ich bin nicht absolut und unter allen Umständen verpflichtet zu dienen. Meine Seele ist mir näher als jeder andere Mensch. Das ist gut so.

Erklärungsnot

Ich muss da weg. So geht das nicht. Ich habe meine Chance gehabt und offensichtlich verpasst. Erfahrungsgemäss kann ich an dem Punkt nichts mehr flicken. Der Aufwand ist zu gross, der Ausgang zu ungewiss. Jede Lektion dieses Unterrichts bezahle ich mit Geld, das mir bis vor einem Jahr fehlte. Die schlechte oder gute Angewohnheit genau hinzuschauen, wie mein Geld investiert wird, kann ich noch(?) nicht ablegen. Konkret denkt mein Hirn in diesem Fall: „Ist eine Minute des Unterrichts 2 Franken wert?“ – Wer jahrelang auf sein Geld warten und deshalb extrem achten musste, kann nicht von einem Tag auf den andern umschalten.

Warum kann ich meine Fragen und Bedürfnisse nicht einfach und klar formulieren, damit sie ankommen und ich zufrieden mein neues Musikinstrument lerne? Nach jeder Lektion habe ich das Gefühl, ich sollte mich verständlicher ausdrücken, ich sollte während der Lektion mehr auf meinem Instrument spielen, damit klarer wird, was mir schwerfällt. Ich ertappe mich dabei, dass ich im Unterricht verstumme. Plötzlich sind alle meine Fragen weg, ich erinnere mich nicht an sie, sie haben sich in Luft aufgelöst. Auch wenn die Übungsstunden zuhause einfach sind, in der Unterrichtsstunde aber wenig gelingt, bin ich frustriert.

Liegt das daran, dass ich erwachsen und ungeduldig bin, wie die Lehrperson meint. – Ich glaube es nicht: Meistens bei anderen Sachen verstehe ich ein Detail falsch und verschleudere deshalb meine kostbare Energie. Ich muss und will mir genau überlegen, wofür ich meine begrenzten Ressourcen einsetze. Das mache ich ein Leben lang so und das hat sich bewährt. Oft erhalte ich als Rückmeldung, dass ich rasch sei. Wenn ich nicht so schnell wäre, hätte ich in dieser Gesellschaft viel kürzer Bestand gehabt. Hohe Konzentration und Schnelligkeit sind meine persönlichen Geheimwaffen. Damit sind nicht behinderte Menschen oft überfordert, weil sie viel langsamer als ich sind und sich das nicht vorstellen können: Es passt nicht in ihr Bild „Wie-Behinderte-sein -müssen“.

Beim Musikunterricht kann ich die Noten nicht auseinanderhalten. Ich wirble die Griffe durcheinander. Ich frage die Lehrperson danach. Es sei ein gängiges Problem bekomme ich zu hören. Ich denke, wenn das eine normale Entwicklung ist, dann gibt es sicher viele gute Ideen, wie ich mit dieser Unordnung in meinem Kopf umgehe. Aber irgendwie kommt nichts, was zumindest ich begreife. Vielleicht habe ich die Frage falsch gestellt, vielleicht bin ich schon verstummt, weil ich mich schuldig fühle, ungeduldig zu sein. Also gehe ich ins Internet und drucke mir Tonleitern aus. Meine Überlegung ist, dass ich die Töne zu Leitern ordne, sie in meinem Kopf aufreihe, mit den richtigen Vorzeichen am Anfang der Zeile in Verbindung bringe und endlich meinen Fingern besser richtige Befehle erteilen kann. Für die Ohren ist die Orientierung so auch einfacher.

Es ist keine Lösung festzustellen, dass ein Durcheinander vorhanden ist und weil es vielen so geht, bin ich damit zufrieden? Wer, wenn nicht ich, bringt mein Durcheinander in Ordnung? Von der Lehrperson hätte ich Tipps erwartet. Sie schien eher verwundert, dass ich die Chromatische Tonleiter mit meinen Schwierigkeiten in Verbindung bringe und nicht darauf warte, dass sich das Problem von selbst bzw. durch Üben löst.

Ich höre mich während des Unterrichts zu oft sagen, dass ich dies oder jenes behinderungsbedingt nicht kann. Das macht definitiv kein Spass, auf seine Defizite reduziert zu werden. Umgekehrt bekomme ich fast vorwurfsvoll zu hören, dass ich zu rasch zuviel kann. Ist das ein Wunder, dass ich Fortschritte mache, wenn ich nicht arbeite und mir mehrmals täglich Zeit zum Üben nehmen kann? Kein Output bei dem Input wäre definitiv entmutigend.

Ich habe getan, was zu tun war: In der letzten Stunde habe ich mich von meinem Musikunterricht auf unbekannte Zeit zurückgezogen und parallel dazu eine neue Lehrkraft gesucht. Jetzt will ich ihr nicht all das um die Ohren hauen, was ich bisher vermisst habe. Ich denke, dass ich ihr sage, ich würde gern nur mit mir verglichen werden und nicht mit andern. Wie weit ich komme, kann heute niemand sagen. Also finde ich es wichtig, dass meine Technik und meine Bewegungen stimmen.

Gestern bin ich im Internet auf einen Artikel gestossen, der sich um die Aufklärung und Das Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen handelt. Ich finde diesen Artikel lesenswert, auch wenn er nichts in dem Sinn mit der Wahrnehmung zu tun hat, wie es zuerst scheint.

Zu dumm, gehöre ich zu der Minderheit, die nie und nimmer mit der Mehrheit tauschen möchte, die sich nichts anderes vorstellen kann, als dass unsereins in ihren Schuhen stecken möchte. Welch ein köstlicher Irrtum!

Bitte keine Gefühle

Für diese Situation habe ich keine Lösung, was mich regelmässig ärgert. Nur dieser Ärger löst die Frage nicht, die lautet: Wie gehe ich als unsichtbar behinderte Person mit Menschen um, die nicht wahrhaben wollen, dass ich behindert bin. Regelmässig kommt das Argument, dass mich der Gesprächspartner trotz 100% IV-Rente und 100% Invaliditätsgrad nicht als behindert wahrnimmt. Im gleichen Atemzug wird bestätigt, dass die IV in der heutigen Zeit nur noch nach strengsten Kriterien Renten zuspricht. Was ist bei einer solchen Betrachtungsweise los, frage ich mich regelmässig. Was erwarten Menschen von einer berenteten Person? Wenn ich urprünglich erwartet hatte, dass eine Rente die Situation klären würde, so sehe ich mich getäuscht. Die nächste Frage lautet nämlich in der Regel, wie hoch der Prozentsatz der Rente sei. !00% Rente auf 100% Invaliditätsgrad.

Sollten meine Gliedmassen verdrehter aussehen, muss ich in dem viel zitierten Rollstuhl sitzen oder darf ich nicht intelligent sein? Ich habe immer den Verdacht, dass ich nicht in das Bild einer unterlegenen Person passe: Eine behinderte Person muss eine solche Unterlegenheit ausstrahlen, damit sie bequem schubladisiert werden kann mit dem Etikett „zu betreuen“. Da meine Mimik minim verarmt ist, sehe ich sehr seriös und ernsthaft aus und werde als belastbar eingestuft. Die Klangfarbe der Stimme ist etwas monoton, dass ich meistens so töne, wie wenn ich im Brustton der Überzeugung spreche. Manche Leute springen regelrecht auf meinen Tonfall an und aus Erfahrung weiss ich, dass ich mich besser schnellstmöglich in Sicherheit bringe. Manchmal aber bleibe ich wie angewurzelt stehen und verpasse den Absprung. Dann muss ich auf verbale Schläge nicht lange warten: „Sie müssen ihre Behinderung akzeptieren“, lautet ein beliebter Satz, der mir an den Kopf geworfen wird. – Endlich habe ich eine sinnvolle Beschäftigung!

Wenn ich guter Laune bin und den nötigen Humor habe, erkäre ich, dass die Akzeptanz einer Behinderung kein statischer Zustand ist: Es gibt Tage, an denen ein behinderter Mensch seine Behinderung akzeptieren kann, sie vielleicht sogar vergisst und es gibt Momente, in denen das nicht gelingt. Meistens habe ich die Lacher auf meiner Seite, wenn ich als Beispiel Hammer, Daumen und Nagel nehme: Ein Mensch, der mit dem Hammer den Daumen statt den Nagel trifft, wird in der Regel aufschreien und sich nicht zuerst für die willkommene Gelegenheit zum Einüben von Selbstbeherrschung und anderen wunderbaren Tugenden bedanken.

Brauche ich, so wie ich aussehe, eine Hilfestellung passiert nichts. Da stellt sich die Frage: Wie oft ist es sinnvoll die gleiche Bitte zu wiederholen, damit ich zu dem komme, was andere selbstverständlich haben. Wie gekonnt vergesse ich, dass ich Bedürfnisse habe und löse sie in Luft auf. Gestern habe ich es auf die Spitze getrieben: Natürlich weiss ich, dass es für nicht behinderte Personen schwierig ist, dass sie meine Informationen in ihren Erfahrungshorizont einordnen können. Gestern nun, bin ich etliche Male rund um ein Thema gekreist, um es zum Schluss beim Schopf zu packen:

Für viele Menschen ist der Höhepunkt einer festlichen Mahlzeit ein Dessertbuffet. Für mich selbstredend sicher nicht: Zuviel Auswahl, zuviele Menschen, Bewegung in einem mir fremden Lokal oder ungewohnt möblierten, festliche Kleidung mit entsprechenden Schuhen, Balancieren der Speisen auf einem Teller. Die einfachste Lösung, um nicht weiter aufzufallen ist, mich als Dessertmuffel zu bezeichnen. Nicht so gestern: Ich sagte mehrere Male, dass mir lieber wäre, dass auch die Nachspeise serviert würde und als ich zum vierten oder fünften Mal an meinem Tisch gefragt wurde und einige schon wiederholten, dass ich lieber serviert würde, fragte ich eine Tischnachbarin, ob sie so freundlich wäre und mir einige Nachspeisen bringen würde. Plötzlich war das ohne unangenehme Nachfragen möglich. So klar stehe ich selten für mich ein. Geschätzte zehn Male wurde das Thema erwähnt.  Ich frage mich, wieviel Zeit muss ich meinem Gegenüber geben und wann wird es lästig, wenn ich frage, weil „man nichts sieht“.

Behinderte Mutter

Wann ist Liebe echte Liebe und wer kann das beurteilen.

Walter Bs Textereien schildern wie es einer jungen, geistig behinderten Mutter aus Oberbayern ergeht. Ich bin bisher davon aussgegangen, dass Deutschland offener und weiter ist, wenn behinderte Mütter ein Kind bekommen, weil ich Sendungen im TV über begleitete Elternschaft gesehen haben. Im Internet werde ich mit diesem Stichwort „Begleitete Eltern Deutschland“ mühelos fündig. Deshalb bin ich davon ausgegangen, dass unser Nachbarland realisiert hat, dass es wichtig ist, Familien nicht auseinanderzureissen.

Vor dem Gesetz sind alle gleich. Davon gehen doch die Menschen eines Rechtsstaates aus. Aber das stimmt nicht: Wer sich nicht wehren kann, ist eben gerade nicht gleich. Über den wird bestimmt, beschlossen, verfügt. In der Beziehung Eltern-Kind ist es besonders schlimm: Die Zeit vergeht, die Kinder wachsen und die vom Leben ihrer Kinder ausgeschlossenen Eltern können die Zeit nie mehr nachholen. Etwas Unwiederbringliches geht verloren. Ganz zu schweigen von den Gefühlen, die ein Leben lang bleiben.

Die Schweiz, das ist bekannt, ist im letzten Jahrhundert stehen geblieben: Im ZGB in Artikel 311,1 steht:

Zitat

IV. Entziehung der elterlichen Sorge

1. durch die vormundschaftliche Aufsichtsbehörde

1 Sind andere Kindesschutzmassnahmen erfolglos geblieben oder erscheinen sie von vornherein als ungenügend, so entzieht die vormundschaftliche Aufsichtsbehörde die elterliche Sorge:

1.
Wenn die Eltern wegen Unerfahrenheit, Krankheit, Gebrechen, Ortsabwesenheit oder ähnlichen Gründen ausserstande sind, die elterliche Sorge pflichtgemäss auszuüben;
2.
wenn die Eltern sich um das Kind nicht ernstlich gekümmert oder ihre Pflichten gegenüber dem Kinde gröblich verletzt haben.

2 Wird beiden Eltern die Sorge entzogen, so erhalten die Kinder einen Vormund.

3 Die Entziehung ist, wenn nicht ausdrücklich das Gegenteil angeordnet wird, gegenüber allen, auch den später geborenen Kindern wirksam.

Ende Zitat.

So ist die Welt in Ordnung und so denkt unser Gesetzbuch und unsere Gesellschaft. Nein, nicht vor 50 Jahren, sondern heute im Jahr 2012. Die einzelnen Punkte sind aus den 70er Jahren, gelten aber bis heute. – Wenn eine Behörde will, kann sie diesen Artikel hervorholen und danach handeln. Ich muss es wiederholen: Betroffen sind die sozial Schwachen: „Ortsabwesenheit“ was soll dieser Begriff. Ich als juristischer Laie denke an ArbeiterInnen. In den 70er Jahren hatten ihre Kinder einen Schlüssel und gingen selbständig in die Wohnung. Schlüsselkinder wurden sie genannt.

An einem kleinen Ort, in dem ich wohnte, gab es eine Fabrik. Unvergessen ist mir die Erzählung, wie die Frau des Fabrikbesitzers sich um die Kinder ihrer Fabrikarbeiterinnen kümmerte: Diese Arbeiterkinder spielten mit den Kindern des Patrons und seine Frau schaute nach dem Rechten. Alle waren zufrieden. Heute würde man von Win-Win Situation sprechen. Solche Einzelinitiativen hat es sicher gegeben. Diese Erzählung hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt, nicht weil sie der Normalfall sondern eben aussergewöhnlich war.

„oder ähnlichen Gründen“ da lässt sich jedes Motiv zum Obhutsentzug unterbringen.

Bekanntlich ist das gegenwärtige Gesetz über den Erwachsenen- und Kindsschutz aus dem Jahr 1912, wurde wohl etwas angepasst in der Handhabung, weil sich die Gesellschaft weiterentwickelt hat. Aber die Artikel waren da und jede Behörde konnte sie zur Anwendung bringen, was auch getan wurde, wenn es denn passte und wenn es passte ebenso nicht.

Auf Anfang 2013 tritt das neue Gesetz in Kraft. – Ob und wieviel sich da zum Guten wendet, bleibt abzuwarten. Ich mag mich gar nicht auf die Suche machen, wie es mit der behinderten Liebe heute steht.

Zitat, aus dem Webauftritt von Ursula Egli, (der Filmtitel, um den es sich beim Begriff „Behinderte Liebe“ handelt, findet sich erst sehr weit unten, also lang scrollen)

Behinderte Liebe
Mitarbeit am Expose zum mehrfach ausgezeichneten Film von Marlis Graf, bei dem sie auch selber mitwirkte.

Kultur schrankenlos!

Alle, dazu gehöre ich auch. Endlich kann ich mit meiner Gehhilfe nicht nur in einen Bus, ein Tram oder einen Zug, sondern auch in ein Museum. – Klar es gibt sie immer, diese aufmerksamen Zeitgenossen, denen entgeht, dass ich nicht auf einem Fahrrad sondern einem Tretroller bzw. Trottinett fahre. Sie weisen mich darauf hin, dass ich auf dem Gehsteig mit meinem Gefährt nichts zu suchen habe. Wo dann?

Aber jetzt hat das EDI (Eidgenössisches Parlament des Innern) an so unangepasste behinderte Menschen wie mich gedacht und ich bin also willkommen: Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen: Kultur.

Weil verschiedene Büros und Amtsstellen für viele Menschen selbsterklärend sind, nicht aber für Menschen, die Worte nicht richtig wahrnehmen, erkläre ich die Abkürzungen: Für eilige Zeitgenossen rasch erklärt: Menschen, welche Wahrnahmungsstörungen haben, nehmen auch Worte nicht genug genau wahr, um sie im nächsten Schritt zuverlässig im Gedächtnis ablegen zu können und pflegen folglich oft aus dem Gedächtnis nur eine ungefähre Spur hervorzuholen, was Mitmenschen extrem aufregen kann. Also nicht das EDI selbst, aber das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung EBGB hat die Teilhabe an der Kultur zum Schwerpunktthema 2011 bis 2013 bestimmmt. Am 29. November 2012 findet die „Kick-Off“ Veranstaltung im Zentrum Paul Klee in Bern statt.

Gemäss Programm (kleines PDF Bild etwa in der Mitte des Bildschirms „Programm Tagung schrankenlos“) eröffnet Bundesrat Alain Berset die Veranstaltung. Er steht dem EDI vor.

U.a. werden Projekte zu diesen Themen vorgestellt: Führungen in Gebärdensprache, iPad für Gehörlose und La Chaise Rouge (ACCES-CIBLE), allg. Kulturelle Teilhabe von Menschen mit Behinderungen.

Am Nachmittag gibt es Ateliers: Kultur-förderung, – vermittlung, -schaffen. Das ist bloss die erste Stunde und ein spannendes und vermuttlich intensives Programm geht bis um 17.30 Uhr weiter. Anmeldeschluss ist der 27. Oktober 2012.

Ob man hören oder lesen wird, was bei diesem „Kick-Off“ gesagt und getan wird?

Unfreiwilliger Humor

Gestern Abend im 10 vor 10 regt die Reihenfolge der Nachrichten zum Nachdenken an: Coca-Cola verlegt einen wichtigen, europäischen Sitz von Griechenland nach Zug. – Es folgt eine Tabelle, die zeigt, dass 140 andere Firmen in den letzten Jahren das Gleiche getan haben: Sie sind mit ihrem Firmensitz in die steuergünstige, sichere, politisch stabile Schweiz gezogen. Erfreulich oder nicht? Kommentar in diese Richtung und in die andere. Da wir alle WirtschaftsexpertInnen sind, werden wir aus solchen Worten klug.

Man lerne: In der Schweiz haben Firmen Platz, sie werden günstig besteuert und alle anderen Länder knirschen mit den Zähnen, weil sie das Nachsehen haben: Es gibt einen tollen Spruch der lautet: „Wer nichts hat, dem wird auch das genommen werden.“ Schade nur, dass in unserem Land, die sozial Schwachen, z.B. die IV-RentnerInnen von diesem Geldsegen nicht profitieren können: 70 Milionen werden Griechenland entzogen. Wer bekommt sie? Zug nur teilweise, weil sich der Umzug sonst nicht lohnen würde. Wo also bleibt das Geld?

Wie auch immer 10 vor 10 sendet den nächsten Beitrag: Die Sozialkomission des Nationalrates hat getagt, die IV-Revision 6b behandelt und ist zum Schluss gekommen, dass strenger gespart werden soll, als der Ständerat vorschlägt: D.h. weniger Reisekostenvergütung, lineare Rentenabstufung auch auf bereits laufenden Renten und Kinder von IV-RentnerInnen kosten in Zukunft satte 25% weniger. So bringt ein Parlament sein Defizit in Ordnung, indem es an den Kindern der sozial Schwachen ein Viertel einspart. Bemerkung am Rande: Wer sich den Beitrag anschaut sieht und hört, dass die Höhe der Einsparung bei den Kindern nicht beziffert wird. Ist gesellschaftlich besser zu verkaufen. Wenn man zu Einsparungen von 25% stehen muss, könnten Eltern, die Kinder zuhause haben und gerade erleben, wie teuer alles ist, realisieren, welche Abstriche die IV-Revision hier verordnet.

Zum Glück für IV-RentnerInnen haben wir so wertvolle, ausländische Firmen wie ALDI. Sie bieten viel Essen für wenig Geld an. ALDI hat den gesellschaftlichen Vorteil, dass kein Mensch sich ausweisen muss, ob er finanziell so schwach ist, dass er berechtigt ist, in diesem Geschäft einzukaufen. Wenn die Kinder nicht richtig ernährt werden, verschiebt sich dieses Problem in die Zukunft. Oder glaubt ein einziger Mensch ernsthaft, man könne Preis und Qualität in der Art verbinden? – Leider habe ich Menschen gesehen, die im Alter mit gesundheitlichen Schwierigkeiten gekämpft haben, die sie sich in den 30er Jahren und während des Krieges zugezogen haben. Genau, dahin wollen wir wieder zurück, weil es so toll war.

Tipp an die ParlamentarierInnen: Fragt einmal  in finanziell schwachen Familien nach, wer von den Kindern unseren Nationalsport nämlich Skilaufen kann. Genau, keines, weil viel zu teuer. – Vor Jahrzehnten konnten sich Eltern noch irgendwie durchmogeln mit gebrauchter Ausrüstung, Essen aus dem Rucksack und Tagesausflügen in der Vor- oder Nachsaison. Natürlich hatte es Schnee am nächstbesten Hügel im Flachland und die Kinder konnten sich dort umsonst auf ihren Brettern austoben. Das sind dann die Kinder, die im Skilager der Schule einen Schlitten mitnehmen müssen und nicht mit den andern zusammen sind. Hin und wieder frage ich mich, wie sich das wohl anfühlt und einen jungen Menschen prägt.

Lieblingsfragen

Zu meinen Lieblingsfragen gehört diese: „Sag mir einfach, was du nicht kannst.“ Klar doch: Was ist einfacher? Ich habe meine Behinderung seit meiner Geburt, ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, weniger intelligent zu sein – oh, darüber wolltest du nicht sprechen – noch habe ich einen blassen Schimmer, wie es ist, einen nicht behinderten Kopf zu haben, nichts kompensieren zu müssen.

Was ich aber weiss, ist, dass die ganze Tourismusindustrie zusammenfallen würde, wenn alle meinen Kopf hätten: Sich zurechtzufinden an einem unbekannten Ort, ist für mich kein vergnügliches Hobby, sondern eine Leistung, die ich weder als Ferien bezeichnen würde, noch freiwillig erbringe. – Etwas entspannt hat sich die Lage, seit ich mit meinem Trottinett unterwegs bin: Da kann ich es mir von der Energie her erlauben, irgendwo rasch zu gucken, wie es aussieht und wieder umzudrehen. Aber die Fehler, die ich mache sind mit den längeren Distanzen, die ich zurücklegen kann, grösser geworden:

Ich habe bei meinem zweiten Campingausflug an einem See eine ziemlich unangenehme Erfahrung erlebt: Ich wollte etwas Bewegung und irgendwo Nachtessen gehen. – Gemäss Navigationsgerät sollte im nächsten Ort ein Restaurant sein. Dort angekommen, fand ich nichts. Das nächstgelegene Restaurant hatte einen merkwürdigen Namen, dem ich nicht traute. Als ich mit meinem Trottinett vorbeifuhr, war auch klar warum: Es ist Bestandteil eines FKK.

Noch etwas weiter weg vom Campingplatz fand ich ein Restaurant und ass mein Nachtessen. Leider war zu diesem Zeitpunkt der Akku meines Navigationsgerätes schon ziemlich leer. Die Rückfahrt wurde zum Spiessruten- und Wettlauf gegen den Einbruch der Dunkelheit. Ursprünglich hatte ich erwartet, dass ein Navigationsgerät eine Hilfe sein würde. Ich stelle nun fest, dass es nur zwischen 1 und 2 Stunden mit Akku läuft, viel zu wenig lang, um zu Fuss oder mit dem Trottinett unterwegs zu sein.

Meine Bezugsperson bei meiner Autogarage hat mir bestätigt: Wenn ich campiere, kann ich im Auto auf dem Campingplatz Radio hören oder das Licht anschalten, ohne die Batterie des Autos zu leeren. Aber ein Navigationsgerät ist ein Energiefresser.

„Sag mir einfach, was du nicht kannst.“

Ich kann meine Beine bewegen, trotzdem fühle ich mich unsicher, wenn ich für einen Spaziergang aus dem Haus sollte. Zu Fuss gehe ich von A nach B: Ich kann von meiner Wohnung bis zur Tramstation und dann in die Stadt zu einem Arzttermin und zurück. Was ich bereits nicht mache ist: Von meiner Wohnung, bis zum Coop im Ort, einkaufen und zurück in die Wohnung.

Was ist der Unterschied? Der Weg zum Coop ist sicher kürzer, aber: Er führt an Blöcken vorbei mit vielen Wohnungen drin. Mir fällt auf, dass ich auch mit dem Trottinett solche Gebiete lieber meide: Eine Masse von Blöcken mit einer Masse von Wohnungen gibt in meinem Kopf eine Masse von Wahrnsignalen ab.
Erschwerend für den Coop kommt hinzu, dass ich im an sich kleinen Laden, mit der Flut der Produkte überfordert bin und mich das Einkaufen viel Energie kostet. Ich habe früher verschiedene Arten ausprobiert, mein Essen heimzuschaffen: Ich habe ein Einkaufswägeli benutzt und prompt einen Tennisarm bekommen. Ich habe es mit einem Rucksack versucht, meine Rückenschmerzen wurden grösser. Einkaufstaschen schleppen, wie es einigen Menschen können, überfordert mich auch.

Mit dem Trottinett geht beides viel besser: Ich fühle mich, egal ob ich fahre oder das Trottinett schiebe, sicherer. Lasten kann ich aufs Trottinett packen und bequem mitführen. Das Gefühl, fliehen zu können, nicht ausgeliefert zu sein, gibt mir Sicherheit. Das Ausgeliefert-sein bezieht sich sowohl auf Menschen, die mich ängstigen könnten, wie auch auf Momente, in denen ich mit der räumlichen Orientierung nicht klarkomme: z.B. sieht die gleiche Strecke am Tag oder in der Nacht völlig anders aus, so anders, dass ich manchmal sehr viel aushalten muss, um keine Fehlentscheidungen zu treffen: Wenn die Gefühle zu stark werden, könnte ich des nachts aus dem Tram steigen. Dann müsste ich 30 Minuten auf das nächste Tram warten und wäre irgendwo im Dunkeln mir selbst überlassen: Solche Entscheidungen gilt es zu vermeiden. Je älter ich werde desto erfolgreicher werde ich darin, die Signale meines Kopfes richtig zu deuten.

Nervenzusammenbruch?

Was meint der Volksmund, wenn er solche Begriffe braucht? Warum bedient Christoph Blocher ausgerechnet diesen unscharfen Begriff, wenn er seiner Parteikollegin zu Hilfe eilen will?

In dem Umfeld gibt es auch die Begriffe Depression oder das Burnout, den Natalie Rickli gewählt.

Was sagen diese Begriffe aus, was verschleiern sie, was sind die medizinischen Definitionen und was ist die gesellschaftliche Konsequenz von diesem Durcheinander?

Zuerst Christoph Blochers Wortwahl „Nervenzusammenbruch“.

Zitat aus Wikipedia

Bei einem Nervenzusammenbruch handelt es sich um eine umgangssprachliche, unpräzise Bezeichnung für einen psychischen Ausnahmezustand, meist nach traumatischen Erlebnissen, wie z. B. Unfällen, Naturkatastrophen oder Todesfällen, aber auch als Folge von lang anhaltendem, zehrendem Stress aller Art mit fortgesetztem Burnout.

Er entspricht im aktuell gebräuchlichen psychiatrischen Diagnosesystem ICD-10 (International Classification Of Diseases) am ehesten der akuten Belastungsreaktion (ICD 10-F43.0) bzw. der posttraumatischen Belastungsreaktion (ICD 10-F43.1).

Ende Zitat

„Burnout“

Zitat aus Wikipedia:

Burnout wird in der „Internationalen Klassifikation der Erkrankungen“ (ICD-10) als „Ausgebranntsein“ und „Zustand der totalen Erschöpfung“ mit dem Diagnoseschlüssel Z73.0 erfasst.[13] Er gehört zum (übergeordneten) Abschnitt Z73 und umfasst „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“. Nach dieser Einstufung ist der Burnout eine Rahmen- oder Zusatzdiagnose und keine Behandlungsdiagnose, die zum Beispiel die Einweisung in ein Krankenhaus ermöglichen könnte.[14] Dagegen ist die Feststellung einer Depression[15] eine Behandlungsdiagnose. Ein „reines“ Burnout-Syndrom ist ein Ausschlusskriterium für eine Neurasthenie (Erschöpfungssyndrom, F48.0[16]), die in der Diagnose aber als „Burnout-basiert“ beschrieben wird und die Leistungspflicht eines Krankenversicherers begründen kann. Auch wird die Depersonalisierung (s. u. und F48.1[16]) als ein mögliches Symptom des Burnouts betrachtet.

Ende Zitat

Als drittes  medizinischen Definition, des Wortes „Depression“, die Thema dieses Blogs ist und mit dem Begriff „Burnout“ zusammenhängt. Die ICD Klassifizierung unterscheidet zwischen leichter, mittlerer und schwerer Depression. Der Link führt zum ganzen Text. Ich habe unten nur die Definitionen der drei Schweregrade zusammengestellt, damit medizinische Laien eine Chance haben zu erkennen, was gemeint ist und nicht durch zusätzliche Erkrankungen abgelenkt werden.

Das Wichtigste als Zitat:

……Depressive Episode

Info.:

Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden leidet der betroffene Patient unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach
jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist
gestört, der Appetit vermindert. Selbstwertgefühl und
Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt. Sogar bei der leichten Form kommen Schuldgefühle oder Gedanken über eigene Wertlosigkeit vor. Die gedrückte Stimmung verändert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf Lebensumstände und kann von so genannten „somatischen“ Symptomen begleitet werden, wie
Interessenverlust oder Verlust der Freude, Früherwachen,
Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. Abhängig von Anzahl und Schwere der Symptome ist eine depressive Episode als
leicht, mittelgradig oder schwer zu bezeichnen…..

F32.0

Leichte depressive Episode

Info.:

Gewöhnlich sind mindestens zwei oder drei der oben angegebenen Symptome vorhanden. Der betroffene Patient ist im allgemeinen davon beeinträchtigt, aber oft in der Lage, die meisten Aktivitäten fortzusetzen.

F32.1

Mittelgradige depressive Episode

Info.:

Gewöhnlich sind vier oder mehr der oben angegebenen Symptome vorhanden, und der betroffene Patient hat meist große Schwierigkeiten, alltägliche Aktivitäten fortzusetzen.

F32.2

Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome

Info.:

Eine depressive Episode mit mehreren oben angegebenen, quälenden Symptomen. Typischerweise bestehen ein Verlust des Selbstwertgefühls und Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld. Suizidgedanken und -handlungen sind häufig, und meist liegen einige somatische Symptome vor.

Zitat Ende.

Zwei diffuse Begriffe und eine klare medizinische Definition. Christoph Blocher hat trotz Nervenzusammenbruch seine selbstgewählten Arbeitspensen erfüllen können. War er nur ferienreif?

Natalie Rickli fehlt wohl an ihrem Arbeitsplatz, dem Stab der Geschäftsleitung von Goldbach Media und ich gehe davon aus, dass sie krank geschrieben ist. Die IV wird bald einmal präventiv vorbeischauen, damit sie ihren Arbeitsplatz er-halten kann. Oder die SVP kommt bei ihr, wie bei den Bauern

(Link: runterscrollen bis zum Beitrag vom 8. Juni 2011, Titel des Artikels: Das Volk hat eine verschärfte IV-Gesetzgebung gewollt, das Volk hat sie bekommen)

auf die Idee, die IV-Gesetzgebung und -verschärfung solle nicht auf SVP Mitglieder angewandt werden.

Die medizinische Definition der Depression zeigt, dass dieses Wort nur für solche, ernstzunehmende Krankheiten verwandt werden sollte und nicht für einen schlechten Tag, den jeder Mensch gelegentlich hat. Ein schlechter Tag gehört dazu und ist keine Krankheit. Eine Depression muss vielleicht ärztlich behandelt werden, ist definitiv eine Erkrankung. Manchmal bleibt sie unentdeckt und unbehandelt und der Patient wird etwas allein gelassen, weil depressive Menschen nicht die Werte der Spassgesellschaft versprühen. Während andere kranke Menschen vermehrte Zuwendung bekommen, wird die Gesellschaft depressiver Menschen gemieden. Statt arbeitsseitig den Druck zu erhöhen, erfolgt die schnellste Genesung durch Druckminderung und je weniger reale Werte, wie Krankenbehandlung, Arbeitsplatz, Wohnung bzw. Lebenshaltungskosten, Familie, Freunde gefährdet sind, desto schneller kann der Patient genesen.

Kein Mensch wird rasch gesund, wenn seine Behandlung durch seine Krankenkasse, behindert wird, er mit der Angst leben muss, seinen Arbeitsplatz zu verlieren und dann mit den finanziellen Folgen leben muss, die solch ein Szenario auslöst. Gesellschaftlich stehen die Vernetzung am Arbeitsplatz und verschiedene Freundeskreise auf dem Spiel. Der Abstieg geht sehr rasch und ist durchaus realistisch.