Weggesperrt

Im Buch „Weggesperrt“ beschreibt der Beobachter, wie bis 1981 Menschen in Gefängnisse gebracht wurden, die keine Straftat begangen hatten: Die Vormundschaftsbehörden konnten verfügen, dass insbesondere Aussenseiter und ledige Mütter, denen sogar die Neugeborenen weggenommen wurden, auf unbestimmte Zeit in Administrativhaft gesetzt wurden. Bis 1981. Danach wurde alles gut? Ich lese das Buch.

Ich habe von diesem Buch gehört und ich verzweifle daran: Auch nach 1981 ist die Vormundschaftsbehörde in der Schweiz aus Laien zusammengesetzt. Auch nach 1981 hat sie Vollmachten, die erstaunen. Und sind Fachpersonen in jedem Fall besser? Es macht sicher einen Unterschied, ob ein Mensch in ein Gefängnis muss oder mit dem „fürsorglichen Freiheitsentzug“ auf eine geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik kommt. Einen FFE verordnen Fachleute. Ich bezweifle laut, dass sie wissen, was sie tun. In einer psychiatrischen Klinik, deren Abläufe ich kenne, verordnet der hauseigene Arzt einen FFE, was laut Gesetz nicht rechtens ist. Klar, dann muss innert der gesetzlichen Frist der zuständige Regierungsstatthalter erscheinen. Man stelle sich die Tischrunde vor, die sich ergibt: Ein Patient, der nicht gut tut und mit Medikamenten ruhig gestellt ist, behandelnde Fachleute und der Regierungsstatthalter. Vielleicht auf der Seite des Patienten Familienangehörige, wenn er nicht auch dort längst die Rolle des schwarzen Schafes spielt. – Klar ist dieser Ablauf formaljuristisch besser, als der bis ins Jahr 1981. Aber die Fachpersonen, die kennen sich und der Patient, über den entschieden wird, ist ausgeliefert. Dieses Machtgefälle ist geblieben. Erfahrungsgemäss führt die Situation, dass Menschen über andere Menschen Macht haben in Versuchung. Wenige Menschen können dieser Versuchung widerstehen. Viele erachten es mit den Jahren als selbstverständlich, dass sie Berichte über Menschen schreiben, Gutachten abfassen und ganz grundsätzlich Gott spielen im Leben anderer. Ich habe mich gewundert, dass nette Menschen, empatische Männer und Frauen das Fachpersonal in Psychiatrien stellen: Leider konnte ich keinem je mich brennende Fragen stellen, die z. B. lauten:

  • Glauben Sie, dass Langeweile zur Genesung führt?
  • Denken Sie nicht, dass Entmündigung krank macht?
  • Was halten Sie von Ihren Zielformulierungen für ein Leben?
  • Wie kann ein(e) PatientIn Sie so beschäftigen, dass Sie sich wohl bzw. beschäftigt fühlen und dem/der PatientIn den Freiraum geben, um gesund zu werden?
  • Denken Sie allen Ernstes, dass Menschen psychisch krank Dinge können, die sie in gesundem Zustand nicht auf die Reihe kriegen?
  • Wer hilft mit realen Problemen? z.B Rechnungen bezahlen, Wohnungen putzen, Arbeit/Beschäftigung finden, auf einem Niveau, das nicht gleich wieder krank macht?
  • Warum wird man in der Klinik weiter traumatisiert? Denken Sie, so werden PatientInnen gesund?
  • Wissen Sie eigentlich, dass eine psychiatrische Klinik 50% ihrer Probleme selbst verursacht, um hernach Heilung dagegen zu finden? – Sie wissen nicht, was ich meine? – Langeweile, Anstehen für Medikamente, Zwangsmassnahmen, Isolation, Abschieben der Verantwortung, Weigerung mit anderen medizinischen Fachrichtungen zusammen zu arbeiten.
  • Warum unternehmen Sie nichts gegen die Trinkerei im Raucherraum? Haben gewisse PatientInnen Privilegien oder realisieren Sie nicht, was dort abgeht?

Nach 1981 ist alles gut? Eine gerechte Welt stelle ich mir anders vor, als dass man ein unwürdiges Geschehen rechtlich etwas anders abstützt (Paragraphen neu formuliert) und vom Gefängnis in die Psychiatrie verlegt. Das Geschehen ist subtiler geworden: Körperliche Gewalt wird nur noch in Ausnahmefällen angewandt: Patienten werden in Isolationszellen gebracht und auf Betten 5- bzw. 3- Punkt fixiert. Ein Vorgehen, das im Altersheim bei dementen PatientInnen zum Einsatz kommt.

Dass sich Menschengruppen mit anderen Menschengruppen nicht identifizieren können, dieser Umstand bleibt in der Psychiatrie bestehen. Im Buch „Weggesperrt“ können sich junge Mütter zu Recht nicht mit Straftäterinnen identifizieren. Mit Kleinkriminellen, die lieber in die Psychiatrie gehen als in den Vollzug kann sich ein Psychiatriepatient nicht identifizieren. Wer identifiziert sich mit der verwahrlosten Frau, deren Exkremente vorne und hinten die Hose dunkel oder braun färben und die sich auf „unser“ Sofa in „unserem“ Wohnzimmer setzt? Bei den Mahlzeiten sitzen ihr nur naive Neulinge gegenüber. Sie spuckt ihr Essen in regelmässigen Abständen zwischen den Zähnen hervor über den ganzen Tisch. Zumutbar? – Einfach nicht bekannt, weil sich solche Dinge in Räumen ausserhalb der Gesellschaft abwickeln und keiner, der dort war, sich daran erinnern will und darüber berichtet: Die meisten vergessen das lieber, tanzen weiter den Tanz der Institutionen und ich frage mich, welchem die Integration in die Gesellschaft gelingt und welcher, dieser bunten Mischung, rasch stirbt.

Ich lasse es für heute bei diesen wenigen Personen bewenden. Ein Wort zu illegalen Hanfplantagen. Hanf ist ein uraltes Heilmittel. Gerade für Menschen mit zusammengezogenen, verkrampten (Fachausdruck: spastischen) Muskeln, wirkt Hanf, richtig eingesetzt, oftmals besser krampflösend als Medikamente, die auf dem Markt erhältlich sind. Da sich unsere Gesellschaft liebend gern auf Probleme stürzt, die keine sind und dafür Probleme übersieht, die ihre Existenz gefährden, ist auch für Spastiker die Einnahme von Marijuhana illegal.

1981 war das Ende einer Ära. Ganz offensichtlich konnte die Institution Vormundschaftsbehörde und Erwachsenenschutz nicht in einer gesetzlichen Anpassung so revidiert werden, dass sie überzeugt. – Interessant war zu erfahren, dass die Schweiz ihre Praxis anpassen musste, weil sie der Europäischen Menschenrechtskonvention beitreten wollte. – Fremde Richter bringen schweizerisches Unrecht ein Stück weit – so viel wie nötig und so wenig wie möglich – in Ordnung.

Wieder steht ein neues Gesetz an und im kommenden Jahr im Parlament eine neue Konvention: Die Ratifizierung der UNO Behindertenkonvention. Meine Prognose: Die Räte werden die kleinstmöglichen Zugeständnisse machen und ich bezweifle, ob das neue Kinds- und Erwachsenenschutzrecht mit der UNO Behindertenkonvention kompatibel ist. Auf diese Diskussion, bin ich sehr gespannt.

Nachtrag 25. 9. 2021: Es handelt sich um die Klinik Meiringen, Privatstation Des Alpes.

Wie funktioniert (m)eine Behörde?

Wenn ich wüsste, wie sie funktionieren, könnte ich diese Menschen besser verstehen. Oft denke ich diesen Satz. Wenn ich nachvollziehen könnte, warum diese Menschen solche Entscheide fällen, wie in meinem Fall, wäre mein Schmerz, so hoffe ich, kleiner.

Ich bin verwundert, dass die Erkenntnis, dass hier Unrecht am Werk war, meinen Schmerz nicht lindern konnte. Irgendwann war mir von Bekannten, Ärzten und Fachpersonen, die mein Leben begleiteten so oft gesagt worden, dass die Behörden falsch gehandelt hatten, dass kein Zweifel daran bestand. – Ein „Gratisjurist“ hatte sich eingesetzt. Er war, wie ich erst später realisierte, unfähig. Mein Neuer, Bezahlter hat in wenigen Wochen mehr erreicht als  der frühere in zwei Jahren. Er hatte „Mediation“ versucht, als längst Taten gefragt waren.

Trotz der eindeutigen Lage, wurden meine Gefühle nicht ruhiger, ich litt weiter. – Wie ungerecht ist dies: Ich erleide Unrecht und meine Seele leidet weiter, genau an diesem Unrecht. Ich kann froh sein, wenn es mich nicht aus der Bahn wirft, ich irgendwie den Alltag bewältige und hoffentlich irgendwann gelassener auf diese Zeit zurückblicken kann.

Natürlich ist klar, dass die Psyche Warnsignale abgeben soll, wenn sie überfahren wird und schmerzt. So signalisiert auch der Körper, wenn er verletzt wird. Nicht um uns zu ärgern oder mit unnötiger Arbeit einzudecken, sondern um uns die Gelegenheit zu geben, uns zu verarzten und den Heilungsprozess in Gang zu setzen.

Bei meinen seelischen Sachen höre ich: Das ist schwierig.

Ach nein. Dass es schwierig ist, habe ich schon selbst herausgefunden. Wie im Märchen habe ich mich auf den Weg gemacht, die Zauberblume zu finden, die mich heilt und erlöst. Es entspricht nicht meiner Einstellung, mich in ein schweres Schicksal zu ergeben.

Wie also funktioniert diese Behörde? Ich kann davon ausgehen, auch wenn ich die Leute nicht kenne, dass viele, vielleicht alle rechtskonservativ denken. Einige haben einen Universitätsabschluss. Einer, den ich von früher kenne, ist trotz Uniabschluss nicht sehr intelligent. Er hat seine akademischen Ziele nicht erreicht, musste damals die Studienrichtung wechseln. Sowas ist mir nicht passiert: Die Eifersucht, dass ich als behinderte(s) Mensch ein Studium vollendet habe und in diesem Beruf gearbeitet habe, ist weiter verbreitet, als mir bewusst ist und spielt hier sicher mit. Behinderte gehören auf eine niedrige Stufe der Existenz und dürfen einem nicht überfllügeln. Sonst gibt es Haue. Da die Situation scheinbar so günstig war, kam ich unter die Räder. Wie heisst ein philosophischer Satz so schön: „Alles geht vorbei.“

Das haben die Mitglieder dieser Behörde nicht mitbedacht, dass es eine Zeit danach geben wird. Genau dieser Fall ist eingetreten: Ich lebe nicht abgeschoben in einem Heim, sondern selbstbestimmt in meiner Wohnung. Ich kann tun und lassen, was mir gefällt und ich suche täglich nach Möglichkeiten und Tricks, die mein Leben lebenswerter machen. Menschen, die mich über die letzten Jahre beobachten, sagen, dass ich darin unermüdlich und ziemlich erfolgreich sei. Mit den letzten Neurungen, die ich vor etwa zwei Wochen eingeläutet habe, bin ich mit dieser Sichtweise allmählich einverstanden: Als Tagesstruktur Trompete spielen und schreiben. Kontakt mit ausgewählten Bekannte, die mich mögen und Fachpersonen, die mich lehren. Hin und wieder Ferien, die mich mit Vorfreude erfüllen und hernach mit begeistertem Rückblick. So stelle ich mir mein Leben im Moment vor.

Viel mehr weiss ich über „meine“ Behörde nicht. Es fragt sich, ob eine Behörde Akteneinsicht gewähren muss, wie z.B. ein Spital. Im Moment wäre mir das zuviel. Aber später einmal,  könnte es durchaus spannend sein. – Im Moment reicht es mir, diesen Behörde-Menschen fröhlich ins Gesicht zu lachen und mein Leben zu geniessen. Mein Leben zu geniessen, allen Umständen zu trotz, das betrachte ich als meine Lebensaufgabe.

Letzthin habe im im TV(runterscrollen zu „Heike Dorsch“) einen Satz aufgeschnappt: Einer jungen Frau, war ihr Lebenspartner, mit dem sie über die Hälfte des Lebens verbracht hatte, getötet worden. Sie gab klar zu Ausdruck, dass sie dem Mörder, der ihr bereits unfassbar viel Leid angetan hatte, nicht den Rest ihres Lebens schenken wolle.

So stelle ich mir mein Leben vor, als mir gehörend und als von mir zu gestalten.

Gerechtigkeit und Gerechtigkeitsempfinden

Das Nachtcafé von gestern behandelt die interessante Frage, wie es für betroffene Menschen, aber auch uns als Gesellschaft ist, wenn Gerichte Urteile sprechen, die für die KlägerInnen nicht nachvollziehbar, weil zu mild ausfallen.

Im Internet wird die Sendung demnächst zu sehen sein. Gerade jetzt, da ich den Artikel schreibe, ist sie es noch nicht und ich kann mir den Rest nicht angucken, der für meine Tagesform zu spät ausgestrahlt wurde. Als Mensch mit einer Wahrnehmungsstörung, erinnere ich mich nicht an die Namen der Gäste oder des Moderators. Um, was ja ein Ziel dieses Blogs ist, meinen nicht behinderten FreundInnen zu zeigen, wie es dann im Alltag geht, pflege ich Menschen zu umschreiben, damit der/die GesprächspartnerIn weiss, von wem ich sprechen will:

Da ist dieser ältere, freundliche Moderator, der eine ruhige gelassene Atmosphäre herbeiführt. In der Regel spricht er mit einem Gast eine Weile und dann mit dem nächsten. Es gibt wenige Gespräche unter den Gästen, manchmal eine Zweitmeinung oder gegenteilige Auffassung. Die Sendung beginnt immer mit einer ersten Sequenz an der Bar. Was die GesprächspartnerInnen an der Bar von den Gästen in der Sesselrunde unterscheidet, habe ich nicht begriffen. – Mit solchen Verständnislücken lebe ich. Sie können sich bis zur Sinnverzerrung auswachsen, was mich unsicher und vorsichtig macht. – Bildergeschichten kann ich, wenn die Bilder durcheinander sind, nicht in die richtige Reihenfolge bringen. – Unnötig zu erwähnen, dass ich Bildergeschichten ziemlich doof finde.

Das Thema, dass Rechtsempfinden und Recht, ob jetzt in der Form eines Gerichtsurteils oder eines Gesetzesparagraphen auseinanderfallen können, dieses Thema interessiert mich brennend.

Zwei Geschichten der Sendung waren für mich klar: Der Mann an der Bar erzählte, wie sein Sohn zu Tode geprügelt wurde. Auch in der Schweiz werden jugendliche Täter milder bestraft als Erwachsene. Das Ziel ist, diese Täter auf den rechten Weg zu bringen und sie in die Gesellschaft so zu entlassen, dass sie Fuss fassen können und unauffällig den Rest ihres Lebens verbringen. Je nach Auffassung, wie dieses Grobziel zu erreichen sei, wird Recht gesprochen. Die Vorstellung, dass ein(e) TäterIn nur abgestraft werden soll, gilt als überholt. Allerdings ist Reue strafmildernd, weil das Ziel ein verändertes Verhalten ist, sprich der/die TäterIn nach der Entlassung aus dem Gefängnis ohne Rückfall leben soll.

Dass ein Vater, der seinen Sohn auf diese Art verloren hat, befremdet ist, liegt auf der Hand. Vielleicht musste sich dieser Vater vorher nie damit befassen, wie ungerecht in dem Fall deutsches Recht ist – hiesiges ist keinen Deut besser – und hatte immer gedacht, dass Opfer der Rechtssprechung selbst schuld seien. Das ist eine gängige Abwehrhaltung unserer Gesellschaft: Wenn einer kommt und sagt, dass ein Urteil oder eine Rechtssprechung ungerecht sei, dann denken die ZuhörerInnen laut oder leise: „Wo Rauch ist, ist auch Feuer.“ Damit ihr Weltbild intakt bleibt, setzen sie voraus, dass, wer recht hat, sich auch Recht verschaffen kann. Erst wenn diese ZuhörerInnen selbst betroffen sind, realisieren sie schmerzhaft, dass dazwischen eine grosse Lücke klafft, in die manch einer gefallen ist.

Der zweite Fall, der klar ist: Eine Frau erzählte, wie ihr kleiner Sohn überfahren wurde und starb. Sie forderte, dass der Autofahrer viel strenger bestraft würde. Das geht leider nicht, weil viele von uns Auto fahren. Jeder bemüht sich ehrlich keine Fehler zu machen. Dass ein kleinster Fehler tragische Folgen haben kann, ist eine bedrohliche Tatsache. Diese Mutter könnte sich und dem Unfallverursacher einen Gefallen tun, wenn sie sich wegen ihrem verständlichen Schmerz in professionelle Hände begeben würde. So wie sie erzählt ist der Unfallverursachen mit ihren Wünschen an sein Verhalten überfordert. – Ein schrecklicher Kreislauf von Forderungen – Abwehr ist da im Gang, der in ihrer Forderung nach mehr Gerechtigkeit gipfelt, was soviel heisst, dass der Unfallverursacher weggesperrt gehört. Emotional ist diese Reaktion durchaus verständlich. In der Rechtssprechung sollten Emotionen möglichst aussenvor bleiben.

Dann kommt der Rechtsfall, der mir unter dem Titel Wohl des Kindes unverständlich ist: Ein Mann erzählte, dass er 11 Jahre lang glaubte, einen Sohn gezeugt zu haben, um dann in einer nächsten Beziehung herauszufinden, dass er zu 99.99% seit Kindheit zeugungsunfähig sei. Ein Vaterschaftstest zeigt, dass sein „Sohn“ nicht sein leiblicher Sohn sein kann, trotzdem muss er für ihn Unterhalt bezahlen. Er ist mit seinem „Fall“ bereits durch verschiedene Instanzen gegangen. Kein Erfolg. Er findet es begreiflicherweise ungerecht, dass er Unterhalt für ein Kind zahlen muss, dass nicht seins ist. – Da kommt eines meiner Lieblingsunwörter ins Spiel: Wohl des Kindes.

Die Mutter konnte objektiv als einzige Person wissen, wer der Vater dieses Kindes ist. Aus irgendwelchen Gründen hat sie einen Zahlvater gesucht und zumindest für einige Jahre gefunden. Vielleicht war die Beziehung zum Zahlvater zu der Zeit, als das Kind gezeugt wurde, die wesentliche im Leben der Mutter. Wie auch immer zum Zeitpunkt der Zeugung, Geburt und in den ersten Jahren zweifelte der Zahlvater nicht an seiner leiblichen Vaterschaft. Nach gesundem Menschenverstand ist es klar, dass er seine Meinung ändert, wenn er erfährt, dass er zeugungsunfähig ist. Offensichtlich reagiert er nicht so, dass er froh ist, wenigstens diese Vaterschaft zu haben, auch wenn er nicht der leibliche Vater ist, sondern stellt seine Zahlpflicht in Frage. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Beziehung Vater – Kuckuckskind vom Streit Mutter – Zahlvater unberührt bleibt. Ich finde, ein Vater in der Situation sollte mit dem Kuckuckskind gemeinsam eine faire Chance bekomme, ihre Beziehung neu zu definieren und anzupassen. Einerseits sind da etliche gemeinsame Jahre und andererseits ist die unschöne Erwachsenenebene. Ich denke nicht, dass es zum Wohl des Kindes ist, wenn ein nicht leiblicher Vater zu Zahlungen verdonnert wird, nachdem die Geschichte aufgeflogen ist.
Ob später in der Sendung noch etwas zu dem Themenbereich gesagt wurde, weiss ich nicht, weil ich vorher zu Bett gegangen bin und genau weiss, dass ich sie mir im Internet anschauen kann, wenn sie aufgeschaltet ist.

Erzählfiguren des Blog

Das „ich“ dieses Blogs bin ich selbst, anonym und soweit ich mich erinnere, habe ich mich nicht geoutet, ob ich männlich oder weiblich bin. Solange mir nicht 100% klar ist, welche Themen ich in welcher Form veröffentlichen darf, bleibe ich vorsichtig.

Es gibt Menschen aus Zeitungsartikeln, wie dem „Beobachter“ oder dem „Bund“, deren Initialen geändert werden, wenn das Thema zu persönlich oder juristisch zu brisant wird. Bei behinderten Menschen hat eine Anonymisierung oft mit der Angst vor der IV zu tun: Eine Verschlechterung der Lebenslage hilft keinem.

Solche anonymen Namen erfinde ich selbst, wenn ich über mir bekannte Personen in meinem Blog berichte. Ich könnte diese Personen fragen, ob sie unter ihrem wirklichen Namen und mit ihren echten Lebensumständen in meinem Blog vorkommen wollen oder nicht. Dagegen spricht aber, dass meine Anonymität sehr rasch in Gefahr käme, weil bekannt würde, dass dieser Blog mir gehört.

Soweit so klar. Ich habe es an anderer Stelle erwähnt, dass es mir um Aufklärung geht, darum, eine Brücke zwischen behinderten und nicht behinderten Menchen zu bauen. Klar stelle ich mich den Ungerechtigkeiten, dem Filz der in Organisationen, bei den Behörden, Familien, im Beruf, in einem Dorf oder einer Stadt herrscht. Für LeserInnen jedoch, ist es eintönig, wenn nur diese Schiene gefahren wird: Ungerechtigkeit und Misstände werden gründlich recherchiert und es wird aufgezeigt, welche Konsequenzen Gesetze und Handlungen oder das Verhalten der Gesellschaft für Behinderte hat.

Für mich ist es schnell ermüdend, wenn ich recherchiere, aber genau weiss, dass diese Recherche nur von wohlwollenden LeserInnen ernst genommen wird. Ein Beispiel: Seit Jahren ist vom Bundesamt für Statistik belegt, wie niedrig der Versicherungsbetrug der IV-RentnerInnen und der Personen die eine IV-Rente beantragt haben, ist. Diese Zahl, obwohl ausgewiesen, kommt bei PolitikerInnen nicht an. Einer hat mir gesagt, dass diese Zahl nicht stimmen könne und sicher höher sei. Es nützt nichts, einen Sachverhalt darzulegen und zu denken, damit sei die Aufklärung getan. Um bis in den Kopf, das Gedächtnis eines Menschen vorzudringen und damit hoffentlich eine Veränderung des Verhaltens herbeizuführen, braucht es zusätzlich andere Methoden und Stilmittel, vermutlich auch mehr als Sprache. Die nachhaltigste Veränderung wird durch eigenes Erleben ausgelöst. Solange wir nicht an dem Punkt sind, braucht es BrückenbauerInnen. Irgendjemand muss nicht behinderten Menschen erklären und ausführen, warum ein gesellschaftliches Zusammenleben wichtig ist, wer was dazu beitragen kann und welche Fähigkeiten und Bedürfnisse behinderte Menschen haben, die sich nicht Behinderte nicht vorstellen können.

Mein Blog ist meine Experimentierwiese: Gestern habe ich eine „Sie“ eingeführt. Diese „Sie“ hat noch keinen Namen, bleibt aber vorläufig die gleiche Person. Wenn mir danach ist, werde ich weitererzählen, was sie denkt und erlebt. Wenn die Artikel zuviel werden und ich die Übersicht zu verlieren beginne, kann ich ihr einen Namen geben und ihre Artikel so zu einem Ganzen bündeln.

Ich werde an meinem Schreibstil arbeiten und andere Schreibformen ausprobieren. Wenn ich eins nicht will, dann ist es, meine LeserInnen langweilen.

„Hast du Kinder?“

Von den behandelnden Ärzten war sie ermuntert worden, sich ein neues Beziehungsnetz aufzubauen. Nach Jahren der Krankheit, war nicht viel übrig geblieben, berufstätig war sie nicht und die finanzielle Lage desolat. Zudem hatte das Sozialamt sie verpflichtet, Freiwilligenarbeit zu leisten. – Später würde ihr Invaliditätsgrad 100% betragen, aber zu dem Zeitpunkt interessierte das noch niemanden.

Zu ihrer Zeit und in dem Land, in dem sie lebte, herrschte die Ansicht, dass wer Sozialhilfe bezieht, dafür etwas leisten muss. In ihrem Fall musste sie sich glücklicherweise für keine Stellen bewerben, weil das IV-Verfahren lief und all Ihre Bemühungen nach Integration fehlgeschlagen waren. Zugegeben, die angebotenen Arbeitsplätze waren allesamt ungeeignet. An einem hatte sie die Dosis der Benzodiazepine erhöhen müssen. Einfache oder einfachste Arbeiten waren ihrem Ausbildungsstand unangemessen und sie fühlte sich in schmutzigen Räumen mit vielen geschwächten, suchtkranken oder vom Schicksal gezeichneten Menschen nicht sehr wohl. Sie hätte Stabilität, Freundlichkeit und einen kleinen, übersichtlichen Rahmen gebraucht, um ihre Fähigkeiten, die sie durchaus noch besass, entfalten zu können. Aber sowas war in den Mühlen der IV nicht vorgesehen. Vielleicht war das so gewollt, weil behinderte Menschen das zu tun haben, was ihnen aufgetragen wird und nicht selbst denken sollen. Sie aber hatte immer selbst gedacht. Sie konnte sich seit Kindsbeinen an nichts anderes erinnern. Manchmal erschrak sie selbst über ihre Schnelligkeit, mit der sie Zusammenhänge erfasste und faule Strukturen durchschaute. Der zweite Arbeitsmarkt hatte, soweit sie ihn kennen gelernt hatte, Schlagseite.

Sie hatte sich noch nicht an ihre Einsamkeit gewöhnt. Ihre letzte lebhafte Erinnerung an ihr Kind war, dass dieses die Augen senkte. Dieses Niederschlagen der Augen hatte sie mitten ins Herz getroffen, obwohl sie sehr krank war. Das also war das Ende einer Kindheit, bloss auf Jahre wie ihr gutmeinende Menschen tröstend versicherten oder bis zum Ende ihres oder des Kindes Leben? Sie wusste es nicht, hatte Angst irgendetwas an diesem Schmerz zu bewegen, der zurückgeblieben war.

Zuerst zog es ihr, krank, wie sie war, den Boden unter den Füssen weg. Lange wäre sie lieber tot gewesen. Sie sprach kaum über ihr Muttersein. Sie sprach von allem andern, das sie in ihrem Leben gemacht hatte. Da war ihre Ausbildung, ihr Beruf, all die Jahre ihrer Berufstätigkeit, das Glück, dass sie in ihren Hobbies fand, das Leben, das sie im Schnellzugtempo gelebt hatte, weil sie spürte, dass der Boden unter ihren Füssen wackelte. Nie hätte sie sich vorgestellt, dass der Sturz so tief sein würde. Aber sie hatte gegen allen Widerstand das gemacht, was ihr wichtig war, damit sie später nichts bereuen müsste. Ihren Berufswunsch hatte sie gegen ihre Eltern durchgesetzt und war später froh darüber. Ohne genau diese Ausbildung wäre sie im Beruf unglücklich gewesen und wäre heute, wo sie auf Versicherungsleistungen angewiesen war, viel schlechter gestellt. Bei aller Sparsamkeit legte sie doch Wert auf gewisse Annehmlichkeiten.

Sie hatte früh geheiratet, sich später scheiden lassen und in einer zweiten Ehe nochmals das Glück versucht. Alles, was sie gelebt hatte, konnte ihr niemand nehmen. Aus späterer Sicht waren die Ehen nicht gut. Allerdings wusste sie genau, dass sie nichts besseres zustande gebracht hätte. Bis zum heutigen Tage hatte sie keinen Mann kennen gelernt, mit dem sie hätte alt werden wollen. Deshalb wohl war ihr der Friede mit ihrem Berufleben so wichtig. Wie alle Menschen schaute sie gern auf das zurück, was ihr gelungen war.

Was ihre Kindererziehung anbelangte, hatte sie kein schlechtes Gewissen. Sie hatte ihren Kindern das gegeben, was sie konnte. Sie hatte sie mit den Werten behandelt, die ihr wichtig waren. Jetzt hatten sich die Kinder entschlossen, die Werte kennen zu lernen, die ihr widerstanden. Beide Kinder mussten selbst entscheiden, was sie wollten. Ihr als Mutter stand es nicht zu, sich hier einzumischen. Aber als sie viel zu früh alleine dastand, hatte sie langsam wieder Boden unter die Füsse bekommen. Sie hatte sich nach neuen Kontakten umgesehen. Sie hatte bei der Freiwilligenarbeit Menschen kennen gelernt. Nach einigen einschlägigen Erfahrungen hatte sie auf die Frage: „Hast du Kinder?“, mit einem flotten: „Nein“, geantwortet. Sie brauchte im Leben Schutz gerade in dieser schwierigen Situation und nicht Mütter oder Väter, die sie fassungslos und mitleidig anschauten und sie in die Schublade „Rabenmutter“ steckten. Was wussten diese Heile-Welt-Menschen schon von ihrem Leben, den Intrigen, die gegen sie gesponnen wurden und all den Ungereimtheiten, die sich zufälligerweise nur gerade in ihrem Einzelfall angesammelt hatten. Eines Tages, das wusste sie, würde sie sich wehren. Sie wusste es sicher und fest. Sie konnte warten, hatte Geduld und Ausdauer. Denn eines hatten all ihre Gegner übersehen: Sie konnte schreiben.

Heilung kann ihre IV-Rente gefährden

Heilung kann ihre IV-Rente gefährden. Das hat die FMH herausgefunden. Eine einfache Erkennntnis angesichts der laufenden IV-Revision, mit der ein stufenloses Rentensystem eingeführt werden soll. Nur, die FMH sollte sich nicht zu sehr grämen: Wenn ein behinderter Mensch gesünder wird und als Folge davon die Rente gekürzt wird, dann beginnt der grosse Stress:

Ein Rechenbeispiel: Durch gute medizinische Behandlung verbessert sich der Gesundheitszustand von Herrn X. um einen Zwölftel: Die IV bezahlt einen Monat weniger Rente: Im Geldbeutel von Herrn X. fehlen z.B. 1700.- Franken IV-Rente und 3000.- Franken Pensionskassenrente. Er hat pro Monat 200.- Franken weniger Geld und muss sich überlegen, wo er 200.- einsparen kann. – Ich empfehle an dem Punkt Aldi, Migros Budget und Coop Prix Garanti weil diese drei für wenig Geld Menschen ernähren.

Herr X ist sehr besorgt, findet natürlich keine Arbeitsstelle und wird, wie gesunde Arbeitssuchende nach einem halben Jahr Arbeitssuche entmutigt, depressiv und muss sich deshalb medizinisch behandelt lassen. Zur bestehenden Behinderung kommen jetzt gesundheitliche Probleme und der Fall wird – alles ehrlich zusammengerechnet – teurer.
Ich denke, dass Politiker, die solche Entscheidungen fällen, zu wenig Phantasie haben, um zu erkennen, was die Folgen ihrer Entscheidungen sind, Oportunisten sind und den Zeitgeist nachplappern oder irgendetwas vorliegt, was ich mir nicht vorstellen kann. Der jeweilige Hinweis, dass ein Einzelfall nichts beweise, finde ich sehr delikat: Natürlich gibt es für jede mögliche und unmögliche Situation einen Einzelfall. Aber nur Zahlen rumschieben und auf dem Papier sparen, bringt nichts. Was die logischen, praktischen Folgen sind, sollte bedacht werden.

Wachsende Behinderung

Gestern habe ich über die Not geschrieben, eine Behinderung so zu erklären, dass die Erklärung eine Hilfe ist und nicht die Wirkung einer zusätzliche Barriere entfaltet. Als behinderte Person, die ZuhörerInnen will, muss ich darauf achten, nicht langfädig zu werden. Aber selbst wenn sich ein Gespräch ergibt, kann ich meine Seele verletzen.

Voraussetzungen:

  • Ich bin aus voller Überzeugung für Aufklärung.
  • Die Innenansicht eines Betroffenen ist durch keine Aussenansicht einer Fachperson zu ersetzen.
  • Ergo ist es unsere Aufgabe als behinderte Menschen uns in unserem Umfeld einzubringen. Unsere Sicht der Dinge ist nicht zu verwechseln mit den Wünschen und Nöten unserer Angehörigen.

Gesprächsverlauf

Gehen wir von der Situation aus, dass ein Mensch Interesse an meiner Behinderung signalisiert. Wir haben Zeit und ich gebe mir ehrlich Mühe, seine Fragen zu beantworten. Ich baue eine Brücke zwischen seiner und meiner Welt. Da mir das gut gelingt, löst eine Frage die andere ab und es vergeht Zeit.

Es gibt Gesprächsverläufe und Resultate, die ich mir nicht wünsche:

Einer ist, dass ich spüre, wie mit jedem Satz, den ich sage, meine Behinderung wächst und wächst. Statt dass Erklärungen als Verfeinerungen eines vorliegenden groben Systems aufgefasst werden, werden sie addiert: Das ist nicht möglich und das geht auch nicht und das auch nicht… und auch nicht …. und auch nicht…. und auch nicht. Übrig bleibt eine zu bemitleidende Kreatur, die Mitleid höflich entgegennehmen sollte und sich dafür höflichst bedanken. Je weiter so denkende Menschen von mir weg sind, desto besser geht es mir.

Zurück zum Gesprächsverlauf: Das Grobkonzept lautet: Ich habe bei meiner Geburt eine Hirnverletzung erlitten. Damit ist alles umfasst. Jeder zusätzliche Satz ist eine Präzisierung dieses ersten Satzes. Es kommt keine weitere Behinderung dazu. Ich beginne zu gewichten, wenn ich weiter ausführe, dass meine Wahrnehmung betroffen ist und so von Satz zu Satz in Details meiner Behinderung vorstosse.

Wenn als Schlusssatz der/die GesprächspartnerIn sagt: „Ich danke dir für deine Offenheit“, dann weiss ich mittlerweilen aus leidvoller Erfahrung, dass ich viel gegeben habe, aber höchstwahrscheinlich nichts zurückbekomme. Es kann sein, dass das Geschehen, was ich als Aufklärung empfinde für einen nicht behinderten Menschen so aussieht, dass er sich einredet mir einen Dienst zu tun, wenn er mich über meine Behinderung ausfragt. Genau eine Ausfragerei oder Abfragerei ist es dann und eben kein richtiges Interesse. Gefühlsmässig aber läuft das bei mir so: Ich gebe und gebe und wenn die Zitrone ausgepresst ist, dann wird sie weggeworfen. Ausgenutzt und weggeworfen komme ich mir in solchen Situationen vor. Das fühlt sich schlecht an und ich wünschte mir, ich wüsste zum Voraus, wann eine Begegnug sich so entwickeln wird.

Etwas ähnliches passiert bei Fachleuten, die von meiner Krankenkasse bezahlt werden und mir sagen, dass sie von meinen Ausführungen auch für andere PatientInnen sehr viel profitieren. Warum werden sie dann von mir bezahlt und bezahlen nicht mich, weil ich sie weiterbilde?

Wohldosierte Aufklärung ist die Lösung: Ich bin nicht absolut und unter allen Umständen verpflichtet zu dienen. Meine Seele ist mir näher als jeder andere Mensch. Das ist gut so.

Erklärungsnot

Ich muss da weg. So geht das nicht. Ich habe meine Chance gehabt und offensichtlich verpasst. Erfahrungsgemäss kann ich an dem Punkt nichts mehr flicken. Der Aufwand ist zu gross, der Ausgang zu ungewiss. Jede Lektion dieses Unterrichts bezahle ich mit Geld, das mir bis vor einem Jahr fehlte. Die schlechte oder gute Angewohnheit genau hinzuschauen, wie mein Geld investiert wird, kann ich noch(?) nicht ablegen. Konkret denkt mein Hirn in diesem Fall: „Ist eine Minute des Unterrichts 2 Franken wert?“ – Wer jahrelang auf sein Geld warten und deshalb extrem achten musste, kann nicht von einem Tag auf den andern umschalten.

Warum kann ich meine Fragen und Bedürfnisse nicht einfach und klar formulieren, damit sie ankommen und ich zufrieden mein neues Musikinstrument lerne? Nach jeder Lektion habe ich das Gefühl, ich sollte mich verständlicher ausdrücken, ich sollte während der Lektion mehr auf meinem Instrument spielen, damit klarer wird, was mir schwerfällt. Ich ertappe mich dabei, dass ich im Unterricht verstumme. Plötzlich sind alle meine Fragen weg, ich erinnere mich nicht an sie, sie haben sich in Luft aufgelöst. Auch wenn die Übungsstunden zuhause einfach sind, in der Unterrichtsstunde aber wenig gelingt, bin ich frustriert.

Liegt das daran, dass ich erwachsen und ungeduldig bin, wie die Lehrperson meint. – Ich glaube es nicht: Meistens bei anderen Sachen verstehe ich ein Detail falsch und verschleudere deshalb meine kostbare Energie. Ich muss und will mir genau überlegen, wofür ich meine begrenzten Ressourcen einsetze. Das mache ich ein Leben lang so und das hat sich bewährt. Oft erhalte ich als Rückmeldung, dass ich rasch sei. Wenn ich nicht so schnell wäre, hätte ich in dieser Gesellschaft viel kürzer Bestand gehabt. Hohe Konzentration und Schnelligkeit sind meine persönlichen Geheimwaffen. Damit sind nicht behinderte Menschen oft überfordert, weil sie viel langsamer als ich sind und sich das nicht vorstellen können: Es passt nicht in ihr Bild „Wie-Behinderte-sein -müssen“.

Beim Musikunterricht kann ich die Noten nicht auseinanderhalten. Ich wirble die Griffe durcheinander. Ich frage die Lehrperson danach. Es sei ein gängiges Problem bekomme ich zu hören. Ich denke, wenn das eine normale Entwicklung ist, dann gibt es sicher viele gute Ideen, wie ich mit dieser Unordnung in meinem Kopf umgehe. Aber irgendwie kommt nichts, was zumindest ich begreife. Vielleicht habe ich die Frage falsch gestellt, vielleicht bin ich schon verstummt, weil ich mich schuldig fühle, ungeduldig zu sein. Also gehe ich ins Internet und drucke mir Tonleitern aus. Meine Überlegung ist, dass ich die Töne zu Leitern ordne, sie in meinem Kopf aufreihe, mit den richtigen Vorzeichen am Anfang der Zeile in Verbindung bringe und endlich meinen Fingern besser richtige Befehle erteilen kann. Für die Ohren ist die Orientierung so auch einfacher.

Es ist keine Lösung festzustellen, dass ein Durcheinander vorhanden ist und weil es vielen so geht, bin ich damit zufrieden? Wer, wenn nicht ich, bringt mein Durcheinander in Ordnung? Von der Lehrperson hätte ich Tipps erwartet. Sie schien eher verwundert, dass ich die Chromatische Tonleiter mit meinen Schwierigkeiten in Verbindung bringe und nicht darauf warte, dass sich das Problem von selbst bzw. durch Üben löst.

Ich höre mich während des Unterrichts zu oft sagen, dass ich dies oder jenes behinderungsbedingt nicht kann. Das macht definitiv kein Spass, auf seine Defizite reduziert zu werden. Umgekehrt bekomme ich fast vorwurfsvoll zu hören, dass ich zu rasch zuviel kann. Ist das ein Wunder, dass ich Fortschritte mache, wenn ich nicht arbeite und mir mehrmals täglich Zeit zum Üben nehmen kann? Kein Output bei dem Input wäre definitiv entmutigend.

Ich habe getan, was zu tun war: In der letzten Stunde habe ich mich von meinem Musikunterricht auf unbekannte Zeit zurückgezogen und parallel dazu eine neue Lehrkraft gesucht. Jetzt will ich ihr nicht all das um die Ohren hauen, was ich bisher vermisst habe. Ich denke, dass ich ihr sage, ich würde gern nur mit mir verglichen werden und nicht mit andern. Wie weit ich komme, kann heute niemand sagen. Also finde ich es wichtig, dass meine Technik und meine Bewegungen stimmen.

Gestern bin ich im Internet auf einen Artikel gestossen, der sich um die Aufklärung und Das Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen handelt. Ich finde diesen Artikel lesenswert, auch wenn er nichts in dem Sinn mit der Wahrnehmung zu tun hat, wie es zuerst scheint.

Zu dumm, gehöre ich zu der Minderheit, die nie und nimmer mit der Mehrheit tauschen möchte, die sich nichts anderes vorstellen kann, als dass unsereins in ihren Schuhen stecken möchte. Welch ein köstlicher Irrtum!

Bitte keine Gefühle

Für diese Situation habe ich keine Lösung, was mich regelmässig ärgert. Nur dieser Ärger löst die Frage nicht, die lautet: Wie gehe ich als unsichtbar behinderte Person mit Menschen um, die nicht wahrhaben wollen, dass ich behindert bin. Regelmässig kommt das Argument, dass mich der Gesprächspartner trotz 100% IV-Rente und 100% Invaliditätsgrad nicht als behindert wahrnimmt. Im gleichen Atemzug wird bestätigt, dass die IV in der heutigen Zeit nur noch nach strengsten Kriterien Renten zuspricht. Was ist bei einer solchen Betrachtungsweise los, frage ich mich regelmässig. Was erwarten Menschen von einer berenteten Person? Wenn ich urprünglich erwartet hatte, dass eine Rente die Situation klären würde, so sehe ich mich getäuscht. Die nächste Frage lautet nämlich in der Regel, wie hoch der Prozentsatz der Rente sei. !00% Rente auf 100% Invaliditätsgrad.

Sollten meine Gliedmassen verdrehter aussehen, muss ich in dem viel zitierten Rollstuhl sitzen oder darf ich nicht intelligent sein? Ich habe immer den Verdacht, dass ich nicht in das Bild einer unterlegenen Person passe: Eine behinderte Person muss eine solche Unterlegenheit ausstrahlen, damit sie bequem schubladisiert werden kann mit dem Etikett „zu betreuen“. Da meine Mimik minim verarmt ist, sehe ich sehr seriös und ernsthaft aus und werde als belastbar eingestuft. Die Klangfarbe der Stimme ist etwas monoton, dass ich meistens so töne, wie wenn ich im Brustton der Überzeugung spreche. Manche Leute springen regelrecht auf meinen Tonfall an und aus Erfahrung weiss ich, dass ich mich besser schnellstmöglich in Sicherheit bringe. Manchmal aber bleibe ich wie angewurzelt stehen und verpasse den Absprung. Dann muss ich auf verbale Schläge nicht lange warten: „Sie müssen ihre Behinderung akzeptieren“, lautet ein beliebter Satz, der mir an den Kopf geworfen wird. – Endlich habe ich eine sinnvolle Beschäftigung!

Wenn ich guter Laune bin und den nötigen Humor habe, erkäre ich, dass die Akzeptanz einer Behinderung kein statischer Zustand ist: Es gibt Tage, an denen ein behinderter Mensch seine Behinderung akzeptieren kann, sie vielleicht sogar vergisst und es gibt Momente, in denen das nicht gelingt. Meistens habe ich die Lacher auf meiner Seite, wenn ich als Beispiel Hammer, Daumen und Nagel nehme: Ein Mensch, der mit dem Hammer den Daumen statt den Nagel trifft, wird in der Regel aufschreien und sich nicht zuerst für die willkommene Gelegenheit zum Einüben von Selbstbeherrschung und anderen wunderbaren Tugenden bedanken.

Brauche ich, so wie ich aussehe, eine Hilfestellung passiert nichts. Da stellt sich die Frage: Wie oft ist es sinnvoll die gleiche Bitte zu wiederholen, damit ich zu dem komme, was andere selbstverständlich haben. Wie gekonnt vergesse ich, dass ich Bedürfnisse habe und löse sie in Luft auf. Gestern habe ich es auf die Spitze getrieben: Natürlich weiss ich, dass es für nicht behinderte Personen schwierig ist, dass sie meine Informationen in ihren Erfahrungshorizont einordnen können. Gestern nun, bin ich etliche Male rund um ein Thema gekreist, um es zum Schluss beim Schopf zu packen:

Für viele Menschen ist der Höhepunkt einer festlichen Mahlzeit ein Dessertbuffet. Für mich selbstredend sicher nicht: Zuviel Auswahl, zuviele Menschen, Bewegung in einem mir fremden Lokal oder ungewohnt möblierten, festliche Kleidung mit entsprechenden Schuhen, Balancieren der Speisen auf einem Teller. Die einfachste Lösung, um nicht weiter aufzufallen ist, mich als Dessertmuffel zu bezeichnen. Nicht so gestern: Ich sagte mehrere Male, dass mir lieber wäre, dass auch die Nachspeise serviert würde und als ich zum vierten oder fünften Mal an meinem Tisch gefragt wurde und einige schon wiederholten, dass ich lieber serviert würde, fragte ich eine Tischnachbarin, ob sie so freundlich wäre und mir einige Nachspeisen bringen würde. Plötzlich war das ohne unangenehme Nachfragen möglich. So klar stehe ich selten für mich ein. Geschätzte zehn Male wurde das Thema erwähnt.  Ich frage mich, wieviel Zeit muss ich meinem Gegenüber geben und wann wird es lästig, wenn ich frage, weil „man nichts sieht“.

Behinderte Mutter

Wann ist Liebe echte Liebe und wer kann das beurteilen.

Walter Bs Textereien schildern wie es einer jungen, geistig behinderten Mutter aus Oberbayern ergeht. Ich bin bisher davon aussgegangen, dass Deutschland offener und weiter ist, wenn behinderte Mütter ein Kind bekommen, weil ich Sendungen im TV über begleitete Elternschaft gesehen haben. Im Internet werde ich mit diesem Stichwort „Begleitete Eltern Deutschland“ mühelos fündig. Deshalb bin ich davon ausgegangen, dass unser Nachbarland realisiert hat, dass es wichtig ist, Familien nicht auseinanderzureissen.

Vor dem Gesetz sind alle gleich. Davon gehen doch die Menschen eines Rechtsstaates aus. Aber das stimmt nicht: Wer sich nicht wehren kann, ist eben gerade nicht gleich. Über den wird bestimmt, beschlossen, verfügt. In der Beziehung Eltern-Kind ist es besonders schlimm: Die Zeit vergeht, die Kinder wachsen und die vom Leben ihrer Kinder ausgeschlossenen Eltern können die Zeit nie mehr nachholen. Etwas Unwiederbringliches geht verloren. Ganz zu schweigen von den Gefühlen, die ein Leben lang bleiben.

Die Schweiz, das ist bekannt, ist im letzten Jahrhundert stehen geblieben: Im ZGB in Artikel 311,1 steht:

Zitat

IV. Entziehung der elterlichen Sorge

1. durch die vormundschaftliche Aufsichtsbehörde

1 Sind andere Kindesschutzmassnahmen erfolglos geblieben oder erscheinen sie von vornherein als ungenügend, so entzieht die vormundschaftliche Aufsichtsbehörde die elterliche Sorge:

1.
Wenn die Eltern wegen Unerfahrenheit, Krankheit, Gebrechen, Ortsabwesenheit oder ähnlichen Gründen ausserstande sind, die elterliche Sorge pflichtgemäss auszuüben;
2.
wenn die Eltern sich um das Kind nicht ernstlich gekümmert oder ihre Pflichten gegenüber dem Kinde gröblich verletzt haben.

2 Wird beiden Eltern die Sorge entzogen, so erhalten die Kinder einen Vormund.

3 Die Entziehung ist, wenn nicht ausdrücklich das Gegenteil angeordnet wird, gegenüber allen, auch den später geborenen Kindern wirksam.

Ende Zitat.

So ist die Welt in Ordnung und so denkt unser Gesetzbuch und unsere Gesellschaft. Nein, nicht vor 50 Jahren, sondern heute im Jahr 2012. Die einzelnen Punkte sind aus den 70er Jahren, gelten aber bis heute. – Wenn eine Behörde will, kann sie diesen Artikel hervorholen und danach handeln. Ich muss es wiederholen: Betroffen sind die sozial Schwachen: „Ortsabwesenheit“ was soll dieser Begriff. Ich als juristischer Laie denke an ArbeiterInnen. In den 70er Jahren hatten ihre Kinder einen Schlüssel und gingen selbständig in die Wohnung. Schlüsselkinder wurden sie genannt.

An einem kleinen Ort, in dem ich wohnte, gab es eine Fabrik. Unvergessen ist mir die Erzählung, wie die Frau des Fabrikbesitzers sich um die Kinder ihrer Fabrikarbeiterinnen kümmerte: Diese Arbeiterkinder spielten mit den Kindern des Patrons und seine Frau schaute nach dem Rechten. Alle waren zufrieden. Heute würde man von Win-Win Situation sprechen. Solche Einzelinitiativen hat es sicher gegeben. Diese Erzählung hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt, nicht weil sie der Normalfall sondern eben aussergewöhnlich war.

„oder ähnlichen Gründen“ da lässt sich jedes Motiv zum Obhutsentzug unterbringen.

Bekanntlich ist das gegenwärtige Gesetz über den Erwachsenen- und Kindsschutz aus dem Jahr 1912, wurde wohl etwas angepasst in der Handhabung, weil sich die Gesellschaft weiterentwickelt hat. Aber die Artikel waren da und jede Behörde konnte sie zur Anwendung bringen, was auch getan wurde, wenn es denn passte und wenn es passte ebenso nicht.

Auf Anfang 2013 tritt das neue Gesetz in Kraft. – Ob und wieviel sich da zum Guten wendet, bleibt abzuwarten. Ich mag mich gar nicht auf die Suche machen, wie es mit der behinderten Liebe heute steht.

Zitat, aus dem Webauftritt von Ursula Egli, (der Filmtitel, um den es sich beim Begriff „Behinderte Liebe“ handelt, findet sich erst sehr weit unten, also lang scrollen)

Behinderte Liebe
Mitarbeit am Expose zum mehrfach ausgezeichneten Film von Marlis Graf, bei dem sie auch selber mitwirkte.