Kultur schrankenlos!

Alle, dazu gehöre ich auch. Endlich kann ich mit meiner Gehhilfe nicht nur in einen Bus, ein Tram oder einen Zug, sondern auch in ein Museum. – Klar es gibt sie immer, diese aufmerksamen Zeitgenossen, denen entgeht, dass ich nicht auf einem Fahrrad sondern einem Tretroller bzw. Trottinett fahre. Sie weisen mich darauf hin, dass ich auf dem Gehsteig mit meinem Gefährt nichts zu suchen habe. Wo dann?

Aber jetzt hat das EDI (Eidgenössisches Parlament des Innern) an so unangepasste behinderte Menschen wie mich gedacht und ich bin also willkommen: Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen: Kultur.

Weil verschiedene Büros und Amtsstellen für viele Menschen selbsterklärend sind, nicht aber für Menschen, die Worte nicht richtig wahrnehmen, erkläre ich die Abkürzungen: Für eilige Zeitgenossen rasch erklärt: Menschen, welche Wahrnahmungsstörungen haben, nehmen auch Worte nicht genug genau wahr, um sie im nächsten Schritt zuverlässig im Gedächtnis ablegen zu können und pflegen folglich oft aus dem Gedächtnis nur eine ungefähre Spur hervorzuholen, was Mitmenschen extrem aufregen kann. Also nicht das EDI selbst, aber das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung EBGB hat die Teilhabe an der Kultur zum Schwerpunktthema 2011 bis 2013 bestimmmt. Am 29. November 2012 findet die „Kick-Off“ Veranstaltung im Zentrum Paul Klee in Bern statt.

Gemäss Programm (kleines PDF Bild etwa in der Mitte des Bildschirms „Programm Tagung schrankenlos“) eröffnet Bundesrat Alain Berset die Veranstaltung. Er steht dem EDI vor.

U.a. werden Projekte zu diesen Themen vorgestellt: Führungen in Gebärdensprache, iPad für Gehörlose und La Chaise Rouge (ACCES-CIBLE), allg. Kulturelle Teilhabe von Menschen mit Behinderungen.

Am Nachmittag gibt es Ateliers: Kultur-förderung, – vermittlung, -schaffen. Das ist bloss die erste Stunde und ein spannendes und vermuttlich intensives Programm geht bis um 17.30 Uhr weiter. Anmeldeschluss ist der 27. Oktober 2012.

Ob man hören oder lesen wird, was bei diesem „Kick-Off“ gesagt und getan wird?

Unfreiwilliger Humor

Gestern Abend im 10 vor 10 regt die Reihenfolge der Nachrichten zum Nachdenken an: Coca-Cola verlegt einen wichtigen, europäischen Sitz von Griechenland nach Zug. – Es folgt eine Tabelle, die zeigt, dass 140 andere Firmen in den letzten Jahren das Gleiche getan haben: Sie sind mit ihrem Firmensitz in die steuergünstige, sichere, politisch stabile Schweiz gezogen. Erfreulich oder nicht? Kommentar in diese Richtung und in die andere. Da wir alle WirtschaftsexpertInnen sind, werden wir aus solchen Worten klug.

Man lerne: In der Schweiz haben Firmen Platz, sie werden günstig besteuert und alle anderen Länder knirschen mit den Zähnen, weil sie das Nachsehen haben: Es gibt einen tollen Spruch der lautet: „Wer nichts hat, dem wird auch das genommen werden.“ Schade nur, dass in unserem Land, die sozial Schwachen, z.B. die IV-RentnerInnen von diesem Geldsegen nicht profitieren können: 70 Milionen werden Griechenland entzogen. Wer bekommt sie? Zug nur teilweise, weil sich der Umzug sonst nicht lohnen würde. Wo also bleibt das Geld?

Wie auch immer 10 vor 10 sendet den nächsten Beitrag: Die Sozialkomission des Nationalrates hat getagt, die IV-Revision 6b behandelt und ist zum Schluss gekommen, dass strenger gespart werden soll, als der Ständerat vorschlägt: D.h. weniger Reisekostenvergütung, lineare Rentenabstufung auch auf bereits laufenden Renten und Kinder von IV-RentnerInnen kosten in Zukunft satte 25% weniger. So bringt ein Parlament sein Defizit in Ordnung, indem es an den Kindern der sozial Schwachen ein Viertel einspart. Bemerkung am Rande: Wer sich den Beitrag anschaut sieht und hört, dass die Höhe der Einsparung bei den Kindern nicht beziffert wird. Ist gesellschaftlich besser zu verkaufen. Wenn man zu Einsparungen von 25% stehen muss, könnten Eltern, die Kinder zuhause haben und gerade erleben, wie teuer alles ist, realisieren, welche Abstriche die IV-Revision hier verordnet.

Zum Glück für IV-RentnerInnen haben wir so wertvolle, ausländische Firmen wie ALDI. Sie bieten viel Essen für wenig Geld an. ALDI hat den gesellschaftlichen Vorteil, dass kein Mensch sich ausweisen muss, ob er finanziell so schwach ist, dass er berechtigt ist, in diesem Geschäft einzukaufen. Wenn die Kinder nicht richtig ernährt werden, verschiebt sich dieses Problem in die Zukunft. Oder glaubt ein einziger Mensch ernsthaft, man könne Preis und Qualität in der Art verbinden? – Leider habe ich Menschen gesehen, die im Alter mit gesundheitlichen Schwierigkeiten gekämpft haben, die sie sich in den 30er Jahren und während des Krieges zugezogen haben. Genau, dahin wollen wir wieder zurück, weil es so toll war.

Tipp an die ParlamentarierInnen: Fragt einmal  in finanziell schwachen Familien nach, wer von den Kindern unseren Nationalsport nämlich Skilaufen kann. Genau, keines, weil viel zu teuer. – Vor Jahrzehnten konnten sich Eltern noch irgendwie durchmogeln mit gebrauchter Ausrüstung, Essen aus dem Rucksack und Tagesausflügen in der Vor- oder Nachsaison. Natürlich hatte es Schnee am nächstbesten Hügel im Flachland und die Kinder konnten sich dort umsonst auf ihren Brettern austoben. Das sind dann die Kinder, die im Skilager der Schule einen Schlitten mitnehmen müssen und nicht mit den andern zusammen sind. Hin und wieder frage ich mich, wie sich das wohl anfühlt und einen jungen Menschen prägt.

Der Schlaf ist meist gestört….

Hallo Welt. Es ist vier Uhr morgens und ich bin seit 1 1/2 Stunden wach, an Einschlafen ist nicht zu denken. Natürlich bemühe ich mich, ruhig zu bleiben, mich nicht aufzuregen und schon jetzt einen guten, kleinen Plan zu schmieden, wie ich am Nachmittag einen Kurzschlaf einplanen könnte, damit ich den ganzen, langen Tag, ohne ein Energieloch durchstehe und in der kommenden Nacht besser schlafe.

In solchen Phasen empfinde ich den Spielraum als eng, obwohl „nur“ Schlafprobleme nach so kurzer Zeit einer schweren, depressiven Episode, ein Privileg sind. Ich könnte mit ganz anderen Schwierigkeiten kämpfen, wie suizidale Gedanken, Antriebslosigkeit, unerträgliche Langweile bei gleichzeitiger Unfähigkeit mich selbst zu beschäftigen, alle Schattierungen von Angstzuständen, Kopfschmerzen, der Symptome sind viele.

In meiner, persönlichen Grundeinstellung bin ich dankbar, dass viele, gesundheitliche Einschränkungen bereits wieder der Vergangenheit angehören. Trotzdem ist das Nicht-Durchschlafen-können lästig. Blog sei Dank kann ich mich frühmorgens still und ruhig beschäftigen, aber ich halte eine verkürzte Nachtruhe auf die Dauer körperlich nicht aus. Eine Möglichkeit ist, während des Tages zu schlafen. Diese Kunst will gelernt sein: Wenn ich tief schlafe, zwei bis drei Stunden, hat das Auswirkungen auf die folgende Nacht. Wenn ich, wie vom Arzt empfohlen, den Wecker auf ein bis 1 1/2 Stunden stelle, bin ich so nervös, dass ich nicht einschlafen kann.

Letzten Sonntag hat mir mein Körper gezeigt, dass er die Fähigkeit zum Leichtschlaf hätte und die darauf folgende Nacht liess keine Wünsche offen. Das kam so: Es war Regenwetter, ich beschäftigte mich zu meiner Zufriedenheit, aber irgendwann war ich müde. Ich schaute fern, wozu ich immer in einem Stuhl sitze. Während des Films schlief ich ein und erwachte vor dem Filmende wieder. Das war sicher die eine gute Voraussetzung.

Die andere ist der Trick vom Essen: Gewisse Medikamente regen den Appetit an. Meins auch. Das wissend, gebe ich von Anfang an Gegensteuer und esse kleine Portionen. In den ersten Wochen hatte ich keinen Hunger. Jetzt könnte ich essen bis zum Platzen. Da ich das nicht tue, habe ich ständig Hunger.  Vor Jahrzehnten habe ich durch Erfahrung gelernt, dass mein Körper für einen durchgehenden Schlaf genügend Kohlenhydrate braucht, sonst wache ich hungrig auf. Manchmal kann ich den Schlaf wieder finden, indem ich etwas esse. Am Sonntagabend muss ich zum Durchschlafen genug gegessen haben und fürs Halten des Gewichts hoffentlich nicht zu viel.
Natürlich könnte das Durchschlafproblem mit einem Medikament gelöst werden. Dazu habe ich momentan keine Lust: Mein Leben läuft was die Aussenreize betrifft, ruhig und geordnet ab, ich habe Tätigkeiten, die mir Spass machen, vielleicht brauche ich einfach noch etwas Zeit, bis das Durchschlafen sich wieder einpendelt, zumal ich eine Behandlung mit einem Benzodiazepin beendet habe. – Ich kriege manchmal das vom Leben, was ich mir wünsche, manchmal muss oder will ich gewisse Kompromisse  eingehen.

Als Medikamentengruppe kommen für Schlafprobleme Benzodiazepine in Frage, die schnell abhängig machen oder Antidepressiva in niedriger Dosierung. Die aus meiner Sicht vom Leben bevorzugteren Menschen schlafen bestens mit Hilfe von Orangenblütentee, einem Valverdepräparat, einer warmen Milch oder einem Einschlafritual. Leider gehöre ich nicht zu denen. Aber irgendwie werde ich meinen Weg finden.
Zum Schluss einige Worte, warum ich solche Dinge aufschreibe: Sie gehören dazu. In vielen Büchern über Depressonen stellen sich die selbst betroffenen AutorInnen so dar, als hätten sie die Schwierigkeiten ein für allemal überwunden. Das bringt mir nichts: Ich gehöre zum Fussvolk und nicht zu den Helden.

Dann gibt es die Fachexperten: In den Talkshows taucht in der Schweiz des öftern eine Fachperson auf, die auch Bücher geschrieben hat. Ich verlinke sie bewusst nicht, weil ihre Statements mir nicht helfen: Ich jedenfalls fühle mich nicht ernst genommen.

Um gleich bei den Talkshows zu bleiben: Es gibt auch Diskussionsthemen, die ich im Zusammenhang mit depressiven Menschen als unangemessen empfinde: Das Wort „Freitod“ suggeriert, dass ein Mensch frei war, eine Entscheidung zu treffen. Das Endstadium eines Krebses führt zum Tod, eine schwere Depression kann zum Tod führen, weil der Leidensdruck nicht mehr auszuhalten ist. Bitte Leiden und nicht Freiheit. Während wir es beim Krebs akzeptieren, dass Körperzellen sich so verändern, dass Menschen daran sterben, akzeptieren wir als Gesellschaft nicht, dass Botenstoffe, körperliche Veränderungen, Gene, was auch immer die Hirnforschung herausfinden wird, zum Tod von Menschen führen kann. Damit zusammen hängt die Unfähigkeit vorauszusehen, welche Patienten an einer Depression sterben und welche knapp überleben.

Ebenso unangemessen finde ich die ethische, oft eher moralisierende Diskussion, was ein Mensch, der Suizid gemacht hat, seinen Hinterbliebenen antut. So können nur Menschen denken, die nicht wahrhaben wollen oder können, dass eine depressive Erkrankung zum Tod führen kann, wie z.B. eine Krebserkrankung. Während ein schwer kranker Krebspatient in einer Fernsehshow auftreten kann, können wir keinen Menschen befragen, der Suizid gemacht hat, warum, woher und wohin des Weges. Aber beide Seiten sollten eigentlich berichten können, sonst wird es eine einseitige Sache und als solche empfinde ich sie oft: Als Beispiel ein Link zu einer Clubsendung, in der Christine Meyer bereits in der Einleitung „Freitod“ und „Suizid“ als Begriffe gleichsetzt. Für mich ist diese Gleichsetzung unverständlich und befremdend.. Selbst wenn zwei, psychisch kranke Personen, mit der Hilfe einer Sterbehilforganisation, ihr Leben beendet haben.

Jetzt bin ich etwas vom Thema abgeschweift. Das kommt vor.

Lieblingsfragen

Zu meinen Lieblingsfragen gehört diese: „Sag mir einfach, was du nicht kannst.“ Klar doch: Was ist einfacher? Ich habe meine Behinderung seit meiner Geburt, ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, weniger intelligent zu sein – oh, darüber wolltest du nicht sprechen – noch habe ich einen blassen Schimmer, wie es ist, einen nicht behinderten Kopf zu haben, nichts kompensieren zu müssen.

Was ich aber weiss, ist, dass die ganze Tourismusindustrie zusammenfallen würde, wenn alle meinen Kopf hätten: Sich zurechtzufinden an einem unbekannten Ort, ist für mich kein vergnügliches Hobby, sondern eine Leistung, die ich weder als Ferien bezeichnen würde, noch freiwillig erbringe. – Etwas entspannt hat sich die Lage, seit ich mit meinem Trottinett unterwegs bin: Da kann ich es mir von der Energie her erlauben, irgendwo rasch zu gucken, wie es aussieht und wieder umzudrehen. Aber die Fehler, die ich mache sind mit den längeren Distanzen, die ich zurücklegen kann, grösser geworden:

Ich habe bei meinem zweiten Campingausflug an einem See eine ziemlich unangenehme Erfahrung erlebt: Ich wollte etwas Bewegung und irgendwo Nachtessen gehen. – Gemäss Navigationsgerät sollte im nächsten Ort ein Restaurant sein. Dort angekommen, fand ich nichts. Das nächstgelegene Restaurant hatte einen merkwürdigen Namen, dem ich nicht traute. Als ich mit meinem Trottinett vorbeifuhr, war auch klar warum: Es ist Bestandteil eines FKK.

Noch etwas weiter weg vom Campingplatz fand ich ein Restaurant und ass mein Nachtessen. Leider war zu diesem Zeitpunkt der Akku meines Navigationsgerätes schon ziemlich leer. Die Rückfahrt wurde zum Spiessruten- und Wettlauf gegen den Einbruch der Dunkelheit. Ursprünglich hatte ich erwartet, dass ein Navigationsgerät eine Hilfe sein würde. Ich stelle nun fest, dass es nur zwischen 1 und 2 Stunden mit Akku läuft, viel zu wenig lang, um zu Fuss oder mit dem Trottinett unterwegs zu sein.

Meine Bezugsperson bei meiner Autogarage hat mir bestätigt: Wenn ich campiere, kann ich im Auto auf dem Campingplatz Radio hören oder das Licht anschalten, ohne die Batterie des Autos zu leeren. Aber ein Navigationsgerät ist ein Energiefresser.

„Sag mir einfach, was du nicht kannst.“

Ich kann meine Beine bewegen, trotzdem fühle ich mich unsicher, wenn ich für einen Spaziergang aus dem Haus sollte. Zu Fuss gehe ich von A nach B: Ich kann von meiner Wohnung bis zur Tramstation und dann in die Stadt zu einem Arzttermin und zurück. Was ich bereits nicht mache ist: Von meiner Wohnung, bis zum Coop im Ort, einkaufen und zurück in die Wohnung.

Was ist der Unterschied? Der Weg zum Coop ist sicher kürzer, aber: Er führt an Blöcken vorbei mit vielen Wohnungen drin. Mir fällt auf, dass ich auch mit dem Trottinett solche Gebiete lieber meide: Eine Masse von Blöcken mit einer Masse von Wohnungen gibt in meinem Kopf eine Masse von Wahrnsignalen ab.
Erschwerend für den Coop kommt hinzu, dass ich im an sich kleinen Laden, mit der Flut der Produkte überfordert bin und mich das Einkaufen viel Energie kostet. Ich habe früher verschiedene Arten ausprobiert, mein Essen heimzuschaffen: Ich habe ein Einkaufswägeli benutzt und prompt einen Tennisarm bekommen. Ich habe es mit einem Rucksack versucht, meine Rückenschmerzen wurden grösser. Einkaufstaschen schleppen, wie es einigen Menschen können, überfordert mich auch.

Mit dem Trottinett geht beides viel besser: Ich fühle mich, egal ob ich fahre oder das Trottinett schiebe, sicherer. Lasten kann ich aufs Trottinett packen und bequem mitführen. Das Gefühl, fliehen zu können, nicht ausgeliefert zu sein, gibt mir Sicherheit. Das Ausgeliefert-sein bezieht sich sowohl auf Menschen, die mich ängstigen könnten, wie auch auf Momente, in denen ich mit der räumlichen Orientierung nicht klarkomme: z.B. sieht die gleiche Strecke am Tag oder in der Nacht völlig anders aus, so anders, dass ich manchmal sehr viel aushalten muss, um keine Fehlentscheidungen zu treffen: Wenn die Gefühle zu stark werden, könnte ich des nachts aus dem Tram steigen. Dann müsste ich 30 Minuten auf das nächste Tram warten und wäre irgendwo im Dunkeln mir selbst überlassen: Solche Entscheidungen gilt es zu vermeiden. Je älter ich werde desto erfolgreicher werde ich darin, die Signale meines Kopfes richtig zu deuten.

Nervenzusammenbruch?

Was meint der Volksmund, wenn er solche Begriffe braucht? Warum bedient Christoph Blocher ausgerechnet diesen unscharfen Begriff, wenn er seiner Parteikollegin zu Hilfe eilen will?

In dem Umfeld gibt es auch die Begriffe Depression oder das Burnout, den Natalie Rickli gewählt.

Was sagen diese Begriffe aus, was verschleiern sie, was sind die medizinischen Definitionen und was ist die gesellschaftliche Konsequenz von diesem Durcheinander?

Zuerst Christoph Blochers Wortwahl „Nervenzusammenbruch“.

Zitat aus Wikipedia

Bei einem Nervenzusammenbruch handelt es sich um eine umgangssprachliche, unpräzise Bezeichnung für einen psychischen Ausnahmezustand, meist nach traumatischen Erlebnissen, wie z. B. Unfällen, Naturkatastrophen oder Todesfällen, aber auch als Folge von lang anhaltendem, zehrendem Stress aller Art mit fortgesetztem Burnout.

Er entspricht im aktuell gebräuchlichen psychiatrischen Diagnosesystem ICD-10 (International Classification Of Diseases) am ehesten der akuten Belastungsreaktion (ICD 10-F43.0) bzw. der posttraumatischen Belastungsreaktion (ICD 10-F43.1).

Ende Zitat

„Burnout“

Zitat aus Wikipedia:

Burnout wird in der „Internationalen Klassifikation der Erkrankungen“ (ICD-10) als „Ausgebranntsein“ und „Zustand der totalen Erschöpfung“ mit dem Diagnoseschlüssel Z73.0 erfasst.[13] Er gehört zum (übergeordneten) Abschnitt Z73 und umfasst „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“. Nach dieser Einstufung ist der Burnout eine Rahmen- oder Zusatzdiagnose und keine Behandlungsdiagnose, die zum Beispiel die Einweisung in ein Krankenhaus ermöglichen könnte.[14] Dagegen ist die Feststellung einer Depression[15] eine Behandlungsdiagnose. Ein „reines“ Burnout-Syndrom ist ein Ausschlusskriterium für eine Neurasthenie (Erschöpfungssyndrom, F48.0[16]), die in der Diagnose aber als „Burnout-basiert“ beschrieben wird und die Leistungspflicht eines Krankenversicherers begründen kann. Auch wird die Depersonalisierung (s. u. und F48.1[16]) als ein mögliches Symptom des Burnouts betrachtet.

Ende Zitat

Als drittes  medizinischen Definition, des Wortes „Depression“, die Thema dieses Blogs ist und mit dem Begriff „Burnout“ zusammenhängt. Die ICD Klassifizierung unterscheidet zwischen leichter, mittlerer und schwerer Depression. Der Link führt zum ganzen Text. Ich habe unten nur die Definitionen der drei Schweregrade zusammengestellt, damit medizinische Laien eine Chance haben zu erkennen, was gemeint ist und nicht durch zusätzliche Erkrankungen abgelenkt werden.

Das Wichtigste als Zitat:

……Depressive Episode

Info.:

Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden leidet der betroffene Patient unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach
jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist
gestört, der Appetit vermindert. Selbstwertgefühl und
Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt. Sogar bei der leichten Form kommen Schuldgefühle oder Gedanken über eigene Wertlosigkeit vor. Die gedrückte Stimmung verändert sich von Tag zu Tag wenig, reagiert nicht auf Lebensumstände und kann von so genannten „somatischen“ Symptomen begleitet werden, wie
Interessenverlust oder Verlust der Freude, Früherwachen,
Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. Abhängig von Anzahl und Schwere der Symptome ist eine depressive Episode als
leicht, mittelgradig oder schwer zu bezeichnen…..

F32.0

Leichte depressive Episode

Info.:

Gewöhnlich sind mindestens zwei oder drei der oben angegebenen Symptome vorhanden. Der betroffene Patient ist im allgemeinen davon beeinträchtigt, aber oft in der Lage, die meisten Aktivitäten fortzusetzen.

F32.1

Mittelgradige depressive Episode

Info.:

Gewöhnlich sind vier oder mehr der oben angegebenen Symptome vorhanden, und der betroffene Patient hat meist große Schwierigkeiten, alltägliche Aktivitäten fortzusetzen.

F32.2

Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome

Info.:

Eine depressive Episode mit mehreren oben angegebenen, quälenden Symptomen. Typischerweise bestehen ein Verlust des Selbstwertgefühls und Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld. Suizidgedanken und -handlungen sind häufig, und meist liegen einige somatische Symptome vor.

Zitat Ende.

Zwei diffuse Begriffe und eine klare medizinische Definition. Christoph Blocher hat trotz Nervenzusammenbruch seine selbstgewählten Arbeitspensen erfüllen können. War er nur ferienreif?

Natalie Rickli fehlt wohl an ihrem Arbeitsplatz, dem Stab der Geschäftsleitung von Goldbach Media und ich gehe davon aus, dass sie krank geschrieben ist. Die IV wird bald einmal präventiv vorbeischauen, damit sie ihren Arbeitsplatz er-halten kann. Oder die SVP kommt bei ihr, wie bei den Bauern

(Link: runterscrollen bis zum Beitrag vom 8. Juni 2011, Titel des Artikels: Das Volk hat eine verschärfte IV-Gesetzgebung gewollt, das Volk hat sie bekommen)

auf die Idee, die IV-Gesetzgebung und -verschärfung solle nicht auf SVP Mitglieder angewandt werden.

Die medizinische Definition der Depression zeigt, dass dieses Wort nur für solche, ernstzunehmende Krankheiten verwandt werden sollte und nicht für einen schlechten Tag, den jeder Mensch gelegentlich hat. Ein schlechter Tag gehört dazu und ist keine Krankheit. Eine Depression muss vielleicht ärztlich behandelt werden, ist definitiv eine Erkrankung. Manchmal bleibt sie unentdeckt und unbehandelt und der Patient wird etwas allein gelassen, weil depressive Menschen nicht die Werte der Spassgesellschaft versprühen. Während andere kranke Menschen vermehrte Zuwendung bekommen, wird die Gesellschaft depressiver Menschen gemieden. Statt arbeitsseitig den Druck zu erhöhen, erfolgt die schnellste Genesung durch Druckminderung und je weniger reale Werte, wie Krankenbehandlung, Arbeitsplatz, Wohnung bzw. Lebenshaltungskosten, Familie, Freunde gefährdet sind, desto schneller kann der Patient genesen.

Kein Mensch wird rasch gesund, wenn seine Behandlung durch seine Krankenkasse, behindert wird, er mit der Angst leben muss, seinen Arbeitsplatz zu verlieren und dann mit den finanziellen Folgen leben muss, die solch ein Szenario auslöst. Gesellschaftlich stehen die Vernetzung am Arbeitsplatz und verschiedene Freundeskreise auf dem Spiel. Der Abstieg geht sehr rasch und ist durchaus realistisch.

Wasser predigen und Wein trinken

Die FDP teilt mit, dass die IV-Revisionen so weitergeführt werden sollen, wie sie aufgegleist sind. Von diesem Weg soll das Parlament nicht abweichen. In ihrer Medienmitteilung von heute führt sie ihre Überlegungen aus.

Ich hoffe, für diese Partei, dass sie selbst glaubt, was sie sagt und schreibt und bei der Anwendung ihrer Politik auf Einzelschicksale Erfahrung sammeln kann. Wenn es um Menschen geht und nicht nur Zahlen oder eine anonyme Masse und vor allem nicht um die andern, sondern die eigene Betroffenheit.

Meine Antwort auf eure Medienmitteilung:

  • Ich kann mit euem Leistugsprinzip nicht mithalten. Dafür bin ich zu alt und zu behindert. Wenn ich arbeite, dann rasch und gezielt und bisher, glaube ich wenigstens, ohne grosse Fehlentscheidungen.
  • Ich verstehe euer Selbstverständnis nicht: Eure besten Leute, die scheints ihre hohen Saläre wert sind, haben sehr viel Mist produziert und viel mehr Geld auf nimmer Wiedersehen versenkt, als die IV je Schulden hat.
  • Es ist ein politischer Entscheid, dass die IV unterfinanziert ist und ebenso war es eine wirtschaftliche, also von potenziellen FDP-Leuten gehandhabte Praxis der 90er Jahre, ältere Mitarbeiter zu entlassen und an die IV  weiterzureichen.
  • Wenn meine Restarbeitsfähigkeit nicht nutzen kann, so weil mich keiner zu einem Lohn anstellt, der meinen akademischen Fähigkeiten entspricht und bereit ist und jetzt kommt das Unzumutbare, auf meine Hirnverletzung Rücksicht zu nehmen.
  • Solange ich im Arbeitsprozess war, habe ich durch Schnelligkeit meine Defizite wettgemacht. Es hat keinen Menschen interessiert, dass ich behindert war. Ich habe das volle Programm durchgezogen. Jetzt hat mich diese Welt ausgespuckt.
  • Es gibt nur entweder-oder: Die behinderte Welt oder die nicht behinderte Welt und natürlich die paar Vorzeigebehinderten, die auf ein Podest gehoben werden: z.B. dieser klavierspielende, verheiratete Arzt. Offensichtlich ist seine Zeit als „Roger Federer“ noch nicht abgelaufen. Meine schon.
  • Seid ihr euch eigentlich bewusst, dass die Pensionskassen, den Umwandlungssatz auch senken?
  • Von was soll ich leben, wenn ich, was Gott gnädigst verhüten möge, bis in mein Pensionierungsalter lebe? Auch behinderte Menschen werden leider oder glücklicherweise älter. Glücklicherweise? Bei der politischen Einstellung der FDP eher leider. .

Worte vom Schulhof

Sprache verändert sich, so, wie sich die Werte der Gesellschaft ändern.Respekt Menschen gegenüber erhöht das gegenseitige Wohlbefinden. So werden Begriffe, die  früher für behinderte Menschen gebraucht wurden, heute nicht mehr verwendet, sie sind durch neue, wertneutrale Fachbegriffe ersetzt worden. Vielleicht ist es von mir naiv, aber ich dachte immer, das sei aus Respekt behinderten Menschen gegenüber.

Eine Partei der Schweiz hat vor einigen Jahren einen unrühmlichen Begriff geprägt, unter dem alle behinderten Menschen in diesem Land bis heute leiden. Ich wiederhole ihn bewusst nicht, weil ich den Platz, den ich dem Negativen widme, ganz bewusst klein halten will: Es nützt behinderten Menschen nichts, wenn sie sich am immer gleichen Punkt, den immer gleichen Schmerz holen: Mit meiner Hirnverletzung kann ich mir die Fähigkeit, mich nicht aufzuregen, leider nicht erarbeiten. Ich leide. Darum tendiere ich als Strategie dazu,  gezielt dorthin zuschauen, wo ich eine Aussage machen will.

Ein neues Schimpfwort Jugendlicher lautet: behindert.

Wie bescheuert ist das? Genau das Wort, mit dem ein Teil der Menschen unserer Gesellschaft sich bemühen, höflich, ewig geduldig, mit ansteckendem Humor, stets aufgestellt, ja nicht mitleidig, für nicht Behinderte Unverständliches verständlich zu machen, muss gegenüber Jugendlichen zuerst aus dem Kontext „Schimpfwort“ herausgelöst werden.

Wie der Link zeigt, sind sich einige der Jugendlichen durchaus bewusst, dass dieses Schimpfwort übel ist. Sie hören es täglich.

Im Unterschied zu früheren Schimpfworten können behinderte Menschen bei dem Wort nicht mehr auf ein anderes Wort ausweichen: Behindert ist der offizielle Begriff für den Umstand, dass ein Leben anders verläuft.

Depression und Nachbarn

Ende August diesen Jahres fiel ich in eine Depression. In meinen Fall fühlt sich das so an, wie wenn ich oben an einem Felsen rausspringe und im freien Fall abstürze. Wer sich unter meinen LeserInnen zu den ortskundigen SchweizerInnen zählt, kennt vielleicht das Basejumpergebiet im Lauterbrunnental (Link: etwas runterscrollen und links findet sich ein Bild des Felsens). Im Gegensatz zum Basejumpen ist eine Depression nicht der ultimative Kick, sondern die ultimative Antriebslosigkeit. Nach wenigen Tagen des Niedergangs bin ich nicht mehr fähig aufzustehen, sondern bleibe den ganzen Tag im Bett liegen. Da liege ich dann und die Zeit zieht vorüber. Ich spüre klar und deutlich, wie der Stoffwechsel meines Körpers umgestellt wird, habe keinen Hunger mehr, versuche wenigstens etwas zu trinken, finde alles entsetzlich langweilig, in besseren Phasen der Bettlägrigkeit kann ich wenigstens lesen.

Seit wenigen Jahren fühle ich mich wohl bei einer Psychiaterin, die mir nach meinem letzten Klinikaufenthalt im Jahr 2008 empfohlen wurde. Damals hatte man mir endlich das Medikament verschrieben, das mir hilft: Nichts von Serotonin und Dopamin und wie diese antidepressiven Wirkstoffe alle heissen, sondern Valproatsäure, was eher ein Wirkstoff gegen bipolare Störungen oder Epilepsi ist. Lithium wäre auch in Frage gekommen,  ist aber in der Einnahme schwieriger.

Also habe ich meiner Psychiaterin gemailt, dass ich abgestürtzt bin. Ich bekam umgehend einen Notfalltermin und die Anfangsdosis und Steigerung des Medikaments wurde besprochen. Ich sah nicht über den Berg und das war in den letzten Tagen des Augusts. Ich musste alle Termine absagen und lag etwa 10 Tage im Bett, während ich Flüssigkeit trank, darauf achtete, mein Medikament regelmässig einzunehmen und auch die praktische Hilfe langsam ins Rollen kam. Allerdings so kurz vor den Herbstferien eine Herausforderung: An einem Tag sollte am Morgen jemand kommen. Der Termin wurde abgesagt. In Vorbereitung auf die kommende Hilfe, hatte ich mich aus dem Bett gequält. Als die Hilfe ausblieb, kroch ich zurück in mein Bett und ward für Stunden nicht mehr gesehen.

Wer im Bett liegt, dessen Muskeln schwinden rasch, was bei der Genesung ein zusätzliches Problem darstellt. Irgendwann stellte mir meine Hausärztin die Aufgabe, einmal pro Tag in die nächstgelegene Ortschaft zu fahren und etwas zu essen. Praktisch sah das so aus: Ich lag im Bett und verschob den Termin zum Aufstehen im Zwiegespräch mit mir selbst über den ganzen Morgen. Vielleicht schaffte ich es knapp um 11 Uhr aufzustehen und aus der Wohnung förmlich zu rennen, damit ich nicht wieder zurück ins Bett kroch. Einmal wurde es Nachmittag um vier Uhr. Nicht über sich selbst bestimmen können, finde ich grausam. Ich wusste, dass ich das damit verbundene Gefühl nicht lange aushalten würde.

Eine Familie in unserem Mietshaus realisierte, wie es mir ging. Die Mutter begann jeden Tag zur Mittagszeit bei mir zu klingeln und zu fragen, ob ich nicht Lust hätte, „zuechedsitze“. Gesellschaft, keine Fahrten mehr in die Stadt, Menschen, die es interessierte, wie es mir erging und die bereit waren, mich in dem Zustand auszuhalten, was Besseres konnte mir nicht passieren. Soweit es meine Kräfte zuliessen, versuchte ich mich erkenntlich zu zeigen, in dem ich den Abwasch erledigte und später sogar einmal kochte. Jetzt sind Schulferien und ich koche in meiner Wohnung wieder selbst. Zuerst kochte mir die Psychiatrie Spitex. Dann begann ich mit einfachsten Dingen wie Beutelsuppe in der Pfanne oder Teigwaren mit Aromat.

Eineinhalb Monat nachdem ich in eine Depression fiel, bin ich auf dem Weg der Genesung. Ohne das richige Medikament leide ich Jahre. Wenn sich das Medikament, mein Ärzteam, meine Nachbarn und mein Wille verbünden, bin ich in so kurzer Zeit aus dem Gröbsten raus. Wer hätte das nach meiner Vorgeschichte gedacht?

Die IV erholt sich viel rascher als erwartet

Diese Schlagzeile steht im heutigen Bund auf Seite 5.

Diese rasche Änderung der IV-Finanzen zeichnet sich seit Monaten ab, AGILE hat schon im letzten Jahr darauf hingewiesen, dass die IV-Revision 6b zur Sanierung der IV-Finanzen nicht nötig ist.

Das BSV erwartet einen Überschuss von 430 Milionen Franken bis Ende Jahr. Als Grund werden die Erhöhung der Mehrwertsteuer und der weitere Rückgang der neu zugesprochenen Renten genannt.
Bisher unterstützen nur die SP und die Grünen die Forderung der Behindertenverbände auf die IV-Revision 6b zu verzichten.

IV-Revision 6b: Einführung eines linearen Rentensystems im Gegensatz zu heute, wo z.B.bei einem Invaliditätsgrad von 65% eine Dreiviertelrente ausbezahlt wird. Invalide RentnerInnern erhalten für ihre Kinder auch Geld: 40% ihrer eigenen Rente. Neu sollen nur noch 30% der Erwachsenenrente ausbezahlt werden.

Nationalrat Lohr aus dem Thurgau soll es als Mitglied der CVP richten und in seiner Partei, FDP  und SVP an die Vernunft appelieren: Er versucht in der vorberatenden Sozialkommission bürgerliche Nationalräte für eine „vernünftige, massvolle“ IV-Revision zu gewinnen:

  • Ab 70% Invaliditätsgrad weiterhin eine volle Rente.
  • Die Kinderrente von 40% auf 30% nur dann kürzen, wenn das Einkommen aus IV-Rente und Kinderrente höher ausfällt als das frühere Erwerbseinkommen.

Die bürgerlichen Parteien zeigen wenig Gehör. Sie sind allenfalls bereit die neue Rentenberechnung auf zukünftige Renten anzuwenden und nicht auf bestehende, weil eine Beschwerdenflut erwartet wird.

Soweit eine Kurzzusammenfassung des Artikels.

Beurteilung:

Minimale Rente pro Monat CHF 1’160.-

Maximale Rente pro Monat CHF 2’320.-

Viele Menschen denken, mit einer IV-Rente könne ein Mensch leben. Diese Frankenbeträge reichen bei weitem nicht. Unwissen schadet den behinderten Menschen.

Der Beitrag an ein Kind ist 40%, je nach Höhe der Rente, die der behinderte Vater oder die behinderte Mutter erhält. Maximal- und Minimalrente beziehen sich selbstredend auf einen Invaliditätsgrad von 100% der erwachsenen Person. Sonst sind die Zahlen kleiner.

Ursprünglich sollte die IV-Rente behinderten Menschen den Lebensunterhalt ermöglichen. Sie ist eine Versicherung. Also Menschen, die einzahlen, möchten die Sicherheit haben, die Leistung zu erhalten, die sie benötigen, wenn sie in Not kommen. Dann gibt es die relativ kleine Gruppe der Menschen, die vor dem Einzahlen behindert wurden: Geburt, Kindheit, junges Erwachsenenalter, soweit es sich nicht um Behinderungen durch Unfälle handelt.

Heutige Situation: Wenn die IV-Rente nicht reicht, muss EL beantragt werden. Mit Versicherung hat das nichts mehr zu tun: Das Vermögen, soweit es vorhanden ist, darf gemäss den Richtlinien der EL eine bestimmte Grösse nicht übersteigen. Die EL muss mit einem ausführllichen Formular beantragt werden. Bekanntlich lassen sich SchweizerInnen nur sehr ungern so tief ins eigene Portemonnaie schauen: Wenn es gar nicht anders geht, nachdem kein anderer Ausweg mehr möglich ist. Die Krankenkassenprämie wird föderalistisch subventioniert.

Irgendwann wird das Volk merken, dass mit solchen „Sparübungen“ die Kosten nur verschoben werden. Aber dann werden die wenigsten der heutigen Politiker noch im Amt sein und die neuen, werden sich nicht verantwortlich fühlen und eine neue Sparrunde verordnen. Das ungute Gefühl bleibt: Wenn behinderte Menschenn wieder unsichtbar gemacht werden, in Statistiken nicht auftauchen, weil sie von Eltern oder Verwandten quersubventioniert werden müssen, ist das kein gesellschaftlicher Fortschitt sondern ein Rückschritt.

Ein sehr ähnlicher Vorgang ist beim Zählen der Arbeitslosen zu beobachten: Die Ausgesteuerten werden nicht mitgezählt. Nur darum sind die schweizerischen Arbeitslosenzahlen so tief und so hübsch für alle, die Abeit haben. Ob unsere Zählart mit europäischen Ländern vergleichbar ist und die europäische Länder untereinander, bin ich mir nicht sicher. Aber vielleicht schummeln alle %-mässig gleich viel, dann stimmen zwar nicht die absoluten Zahlen aber wenigstens der Ländervergleich.

Wohl des Kindes II

E. B.* wohnt im Kanton Bern. Ihr Sohn Pascal leidet an einer Depression und ist zu krank, um die Schule zu besuchen. Die besorgte Mutter kümmert sich aufopfernd um die Gesundheit ihres Teenagers. Sie ist alleinerziehend, arbeitslos und behindert.

Sie steht ohne Familie oder Freunde da. Ihre Versuche zwischen Schule und Teenager eine Brücke zu bauen, fallen ins Leere. Sie sieht für ihren grundsätzlich begabten Sohn keine Zukunft in der öffentlichen Schule mehr und meldet ihn bei einer privaten Schule an, die bereit ist, dem Jugendlichen eine Chance zu geben und seine Präsenz im Schulalltag schrittweise zu erhöhen. Das verpasste Schuljahr wird wiederholt. Das Fernziel ist die Matur.

Der Jugendliche hat nur Vertrauen zu seinem Hausarzt und weigert sich lange Zeit, andere medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die öffentliche Schule reagiert und reicht eine Gefährdungsmeldung ein. Es soll ein Beistand ernannt werden. E. B. ist zuerst froh, dass sie Hilfe bekommt und endlich jemand auf ihrer Seite steht. Schnell erweist sich das als Irrtum: Als die neue Schule anfängt, finden Fachleute und die Beiständin, dass Pascal noch in einer Institution bleiben solle, in die er in der Zwischenzeit eingetreten ist, weil er „noch nicht soweit sei“. Dagegen steht der Wunsch des Teenagers, zusammen mit seinen zukünftigen Kameraden das Schuljahr zu beginnen. Die Mutter entscheidet sich für den Wunsch des Jugendlichen und übernimmt für diesen Entscheid die volle Verantwortung.

Irgendwann kann die Mutter gesundheitlich nicht mehr. Sie erleidet Erschöpfungsdepressionen. Als sie zum zweiten Mal für längere Zeit in eine psychiatrische Klinik eintreten muss, bekommt Pascal Pflegeeltern. Diese sind E. B. bestens bekannt: Es handelt sich um ihren ersten Exmann und seine zweite Frau. Er ist nicht der leibliche Vater von Pascal und verweigert als Pflegevater jeden Kontakt zu E. B. Pascal will auch nichts mehr von seiner Mutter wissen. Er erzählt die schlimmsten Geschichten über sie.

Der Mutter wird die Obhut entzogen. Sie kann zu den Vorwürfen ihres Sohnes nicht Stellung nehmen. Angesichts ihrer Gesundheit kann sie sich nicht wehren, finanziell ist sie zu dem Zeitpunkt von der Gemeinde abhängig.

Heute lebt sie von einer IV- und Pensionskassenrente und hat alle ihre Schulden (Link: runterscrollen bis zum Punkt 8.) bei der Gemeinde zurückbezahlt.

Pascal ist in der Zwischenzeit erwachsen. Im Alter von 18 Jahren ist er bei den Pflegeeltern ausgezogen. Die Beiständin findet, der nicht verdienende, junge Erwachsene brauche eine eigene Wohnung. Mit 20 Jahren besteht er die Matur und pflegt Kontakt zu den Leute, wie z. B. der ehemalige Beiständin, die sein Verhalten unterstützen. Finanziell aber sind seine leiblichen Eltern bis zu seinem 25. Geburtstag verantwortlich, den Pascal heute noch nicht erreicht hat. Was ist hier das Wohl des Kindes?

*Name geändert

 

Ein anderes Verständnis von Wohl des Kindes wird in diesem Projekt aus Winterthur umgesetzt.

Die Schweiz ist kein Vorzeigeland“ titelt der Beobachter.